Georg Simmel RBSE Gratidão

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  • 801

    Dankbarkeit:

    Ein soziologischer Versuch111

    Georg Simmel

    Die Tnung persnlichen Empfindens und privaten Handelns, die ber den Tatsachen der Dankbarkeit liegt,

    berdeckt fr den soziologisch nicht geschulten Blick die

    kaum zu berschtzende Bedeutung, mit der diese Tatsachen

    auf das Leben und den Zusammenhalt der Gesellschaft wirken und deren Umriss diese berlegungen zu zeichnen unternehmen.

    Es ist zunchst eine Ergnzung der rechtlichen Ordnung,

    die die Dankbarkeit vollbringt.

    111

    Retirado de A Manh. Semanrio da cultura alem. (Berlim). Editado por Werner Sombart, Richard Strauss, Georg Brandes, Richard Muther e Hugo Von Hofmannsthal, no. 19, pp. 593-598, de 18 de Outubro de 1907.

    RBSE 9(26): Ago2010 ISSN 1676-8965 DOCUMENTO

  • 802

    Aller Verkehr der Menschen beruht auf dem Schema von

    Hingabe und quivalent. Nun kann fr unzhlige Hingaben und Leistungen das

    quivalent erzwungen werden. Bei allen wirtschaftlichen Tauschen, die in Rechtsform

    geschehen, bei allen fixierten Zusagen fr eine Leistung, bei

    allen Verpflichtungen aus einer rechtlich regulierten

    Beziehung - erzwingt die Rechtsverfassung das Hin- und

    Hergehen von Leistung und Gegenleistung und sorgt fr diese

    Wechselwirkung, ohne die es keine soziale Balance und Zusammenhalt gibt.

    Nun bestehen aber unzhlige Beziehungen, fr die die

    Rechtsform nicht eintritt, wo das quivalent fr die Hingabe nicht erzwungen werden kann.

    Hier wird die Dankbarkeit zur Stellvertreterin des Rechts

    und spinnt, wenn andre Mchte versagen, ein Band der

    Wechselwirkung, der Balancierung von Nehmen und Geben

    zwischen den Menschen. Um diese Verknpfung in ihrer Sonderart richtig

    einzuordnen, muss man sich zunchst klar machen, dass die

    persnliche, aber an Sachen ausgebte Aktion von Mensch

    auf Mensch, wie sie etwa im Raub oder im Geschenk, den primitiven Formen des Besitzwechsels, liegt, sich zum

    Tausch im objektiven Sinne des Wortes entwickelt.

  • 803

    Der Tausch ist die Sachwerdung der Wechselwirksamkeit

    zwischen Menschen.

    Indem der eine eine Sache gibt und der andre eine Sache zurckgibt, welche denselben Wert hat, hat sich die

    Seelenhaftigkeit der Beziehungen zwischen den Menschen in

    Gegenstnde hinausverlegt, und diese Versachlichung der

    Beziehung, das Hineinwachsen ihrer in die Dinge, welche hin und her wandern, wird so vollkommen, dass in der

    ausgebildeten Wirtschaft berhaupt jene persnliche Wechselwirkung ganz und gar zurcktritt und die Waren ein Eigenleben gewonnen haben, dass die Beziehungen und die

    Wertausgleichungen zwischen ihnen gleichsam automatisch,

    blo rechnerisch stattfinden, und die Menschen nur noch als

    die Exekutoren der in den Waren selbst gelegenen Tendenzen zur Verschiebung und Ausgleichung auftreten.

    Es wird objektiv Gleiches gegen objektiv Gleiches gegeben, und der Mensch selbst, obgleich er

    selbstverstndlich um seines Interesses willen den Prozess vollzieht, ist eigentlich gleichgltig.

    Die Beziehung der Menschen ist Beziehung der

    Gegenstnde geworden.

    Die Dankbarkeit nun entsteht gleichfalls aus und in der Wechselwirkung zwischen Menschen und zwar nach innen

    hin ebenso, wie nach auen hin jene Beziehung der Dinge daraus erwachsen ist.

  • 804

    Sie ist das subjektive Residuum des Aktes des Empfangens oder auch des Hingebens.

    Wie mit dem Tausch der Dinge die Wechselwirkung in die objektive Ausgleichung, in die Bewegungen der Ware hinaustritt, so sinkt mit der Dankbarkeit das Geschehen

    zwischen Mensch und Mensch in seinen Folgen, in seiner

    subjektiven Bedeutung, in seinem seelischen Echo herunter in die Seele.

    Sie ist gleichsam das moralische Gedchtnis der

    Menschheit, eine Brcke, welche die Seele immer wieder vorfindet, um bei der leisesten Anregung, welche sonst

    vielleicht nicht gengen wrde, eine neue Brcke zu

    schlagen, ber sie hin sich dem andern zu nhern.

    Alle Vergesellschaftung, jenseits ihres ersten Ursprunges, beruht auf der Weiterwirkung der Beziehungen ber den

    Moment ihres Entstehens hinaus.

    Mag Liebe oder Gewinnsucht, Gehorsam oder Hass,

    Geselligkeitstrieb oder Herrschsucht, eine Handlung von Mensch zu Mensch aus sich hervorgehen lassen: die

    schpferische Stimmung pflegt sich in der Handlung nicht zu

    erschpfen, sondern irgendwie in der durch sie geschaffenen

    soziologischen Situation weiterzuleben. Die Dankbarkeit ist ein solches Weiterbestehen im

    entschiedensten Sinne, ein ideelles Fortleben einer

    Beziehung, auch nachdem sie etwa lngst abgebrochen und

  • 805

    der Aktus des Gebens und Empfangens lngst abgeschlossen

    ist.

    Obgleich die Dankbarkeit ein rein personaler oder, wenn man will, lyrischer Affekt ist, so wird sie, durch ihr

    tausendfaches Hin- und Herweben innerhalb der Gesellschaft,

    zu einem ihrer strksten Bindemittel; sie ist der fruchtbare

    Gefhlsboden, aus dem nicht nur eigne Aktionen von einem zum andern hin erwachsen, sondern durch dessen

    fundamentales, wenn auch oft unbewusstes und in unzhlige

    andre Motivierungen versponnenes Dasein unserm Handeln eine Modifikation oder Intensitt zuwchst, ein

    Verbundensein mit dem Frheren, ein Hineingeben der

    Persnlichkeit, eine Kontinuitt des Wechsellebens.

    Wrde mit einem Schlage jede auf frhere Aktionen hin den Seelen verbliebene Dankreaktion ausgetilgt, so wrde die

    Gesellschaft, mindestens wie wir sie kennen,

    auseinanderfallen.

    Kann man fast alle uerlich-innerlichen verbindenden Motive zwischen Individuen daraufhin ansehen, inwieweit sie

    den Tausch tragen, der die Gesellschaft zum groen Teil

    bildet, nicht nur die schon gebildete zusammenhlt - so ist

    also die Dankbarkeit jenes Motiv, das die Erwiderung der Wohltat von innen heraus bewirkt, wo von uerer

    Notwendigkeit nicht die Rede ist.

  • 806

    Und die Wohltat ist nicht nur ein dingliches Geben von

    Person zu Person, sondern wir danken dem Knstler und dem

    Dichter, der uns nicht kennt, und diese Tatsache schafft unzhlige, ideelle und konkrete, lockere und feste

    Verbindungen zwischen denen, die solche Dankbarkeit gegen

    den gleichen Geber erfllt; ja nicht nur fr das, was jemand berhaupt tut, danken wir ihm, sondern nur mit dem gleichen Begriff kann man das Gefhl bezeichnen, mit dem wir oft auf

    die bloe Existenz von Persnlichkeiten reagieren: wir sind

    ihnen dankbar, blo weil sie da sind, weil wir sie erleben. Die feinsten und festesten Beziehungen knpfen sich oft

    an dieses, von allem einzelnen Empfangen unabhngige

    Gefhl, das gerade unsre ganze Persnlichkeit dem andern

    wie aus einer Dankespflicht darbringt, wie sie auch dem Ganzen seiner Persnlichkeit gilt.

    Der konkrete Inhalt der Dankbarkeit nun, d. h. der

    Erwiderungen, zu denen sie uns veranlasst, gibt

    Modifikationen der Wechselwirkung Raum, deren Zartheit nicht ihre Bedeutung fr die Struktur unsrer Beziehungen

    hindert.

    Einen auerordentlichen Nuancenreichtum erfhrt die

    Innerlichkeit dieser letzteren, wenn eine erhaltene Gabe der seelischen Sachlage nach nur mit einer der Art nach andern

    Gegengabe erwidert werden kann.

  • 807

    So gibt der eine vielleicht das dem andern, was man Geist

    nennt, intellektuelle Werte - und der andre zeigt seine

    Dankbarkeit darin, dass er Gemtswerte zurckgibt; oder er bietet einen sthetischen oder sonstigen Reiz seiner

    Persnlichkeit dem andern dar, der die strkere Natur ist und

    jenem daher gleichsam Willen infundiert, ihn mit Festigkeit und Entschlieungskraft ausstattet.

    Nun gibt es wahrscheinlich keine Wechselwirkung, in der

    das Hin und Her, das Geben und Nehmen sich auf dem genau

    gleichen Gebiet hielte. Allein die Flle, die ich hier erwhnt habe, sind die

    extremen Steigerungen dieser unvermeidlichen

    Verschiedenheit von Gabe und Gegengabe im Verhltnis der

    Menschen, und wo sie sehr entschieden und mit betontem Bewusstsein der Verschiedenheit auftreten, bilden sie ein

    ethisch wie theoretisch gleichmig schwieriges Problem

    dessen, was man die innere Soziologie nennen knnte.

    Vielfach nmlich hat es einen Ton von leiser innerer

    Unangemessenheit, dass der eine dem andern seine

    intellektuellen Schtze darbietet, ohne etwa sein Gemt

    besonders in das Verhltnis hineinzuengagieren, whrend der

    andre dafr nichts zu geben wei als Liebe: all solche Flle haben etwas Fatales fr das Gefhl, weil sie irgendwie an

    Kauf erinnern.

  • 808

    Es ist der Unterschied zwischen Tausch im allgemeinen

    und Kauf, dass bei dem Begriff des Kaufes betont wird, dass

    der tatschlich vor sich gehende Tausch zwei ganz heterogene Dinge betrifft, welche eben nur durch den gemeinsamen

    Geldwert zusammengehalten und vergleichbar werden.

    Also wenn eine Handarbeit etwa in frheren Zeiten, wo

    noch kein Metallgeld verbreitet war, mit einer Kuh oder Ziege erkauft wurde, so waren das vllig heterogene Dinge, die aber

    durch den gemeinsam in beiden steckenden konomischen,

    abstrakt-allgemeinen Wert zusammengehalten und tauschbar wurden.

    In der modernen Geldwirtschaft ist diese Heterogenitt auf

    den Gipfel getrieben.

    Denn das Geld ist, weil es das Allgemeine an allen vertauschbaren Gegenstnden darstellt, nicht imstande, das

    Individuelle an ihnen auszudrcken; und daher kommt ber

    die Gegenstnde, insoweit sie als verkuflich