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    Sportverl Sportschad 2008; 22

    Sport und Schwangerschaft: Status quo der Forschung und Folgen fr die Praxis Die psychosozialen und biomedizinischen Effekte von Sport und Bewegungsaktivitt whrend der Schwangerschaft sind mittler-weile recht umfassend untersucht. Dabei belegen die meisten Studien positive Auswirkungen auf Mutter und Fetus. Dennoch gibt es in jngster Zeit uneindeutige Forschungsergebnisse, die zu Verunsicherung von rzten und Schwangeren fhren. Der fol-gende Artikel gibt eine bersicht ber den aktuellen Forschungs-stand und dient als Entscheidungshilfe fr beratende rzte.

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    Forschungsstand

    Positive EffekteIn den letzten zwei Jahrzehnten belegteneine Vielzahl von Studien eindeutig posi-tive Effekte von Sport und Bewegungsak-tivitt in der Schwangerschaft (Lokey et al.1991, Pivarnik 1998). Dabei wurden Zu-sammenhnge von Sport sowohl mit ver-besserten psychosozialen als auch biome-dizinischen Parametern bei Mutter (Elsen-bruch 2007, Kagan & Kuhn 2004) und Fetus(Rice & Fort 1991) gefunden (z.B. ein ver-besserter APGAR-Score, ein Test fr Neu-geborene benannt nach Virginia Apgar).

    Des Weiteren wird Bewegungsaktivittsowohl vor als auch whrend der Schwan-gerschaft mit einer komplikationsloserenEntbindung und einer Reduktion operati-ver Eingriffe bei der Geburt in Zusammen-hang gebracht (Reimers et al. 2008, Kagan& Kuhn 2004). Ferner wird von einer an-algetischen Wirkung von Sport (Fahrra-dergometer) sub partu berichtet (Hart-mann et al. 2005, Varassi et al. 1989). Diegenannten Studien beziehen sich dabeiauf moderate, aerobe Intensitten und derAusbung wenig verletzungstrchtigerSportarten.

    Neuere Studien belegen sogar positive Ef-fekte von intensiverer sportlicher Betti-gung (Marquez-Sterling et al. 2000) oderextremen Sportarten wie z. B. Skilanglaufund Marathonlaufen (Davies et al. 1999).Auerdem existieren erste Daten darber,wie aktiv Leistungssportlerinnen wh-rend ihrer Schwangerschaft sind, wie siedie sportliche Belastung dem Schwanger-

    schaftsverlauf anpassen und welche psy-chosozialen und biomedizinischen Vor-teile sie durch den Sport erleben (Kleinertund Sulprizio 2008). Die Grnde fr dasFortsetzen eines Trainingsprogramms se-hen die schwangeren Leistungssportle-rinnen in einer krzeren Trainingspausenach der Entbindung und in positivenAuswirkungen auf das krperliche undpsychische Wohlbefinden.

    Diskutierte Risikenber Risiken von Sportaktivitt berichtetdemgegenber eine neuere Studie vonden Dnen Mia Madsen et al 2007. Die Au-toren nennen ein 34-fach erhhtes Fehl-geburtsrisiko bei hohem Sportpensum inder Frhschwangerschaft (mehr als 7 h /Woche bis zur 18. Schwangerschaftswo-che). Darber hinaus werden in dieserStudie spezifische High-Impact-Exerci-se Sportarten wie Joggen, Rckschlag-spiele und Ballsportarten mit einem er-hhten Fehlgeburtsrisiko in Zusammen-hang gebracht. Gewarnt wird vor allemvor der Gefahr 3 einer reduzierten Plazentadurchblu-

    tung durch die erhhte Versorgung der Muskulatur der trainierenden Mutter,

    3 einer durch Sport hervorgerufenen Hyperthermie,

    3 fetaler Hypoglykmie sowie 3 vorzeitigen Wehen.

    Unklar bleibt jedoch, ob die intensiveSportaktivitt als Ursache des erhhtenFehlgeburtsrisikos oder begleitender Fak-tor eines anderen urschlichen Ein-flussfaktors (z. B. hormonelle Vernde-rungen) ist.

    Derartige auf den ersten Blick inkonsi-stente Forschungsergebnisse, oft aberauch unzureichende Informationen fh-ren zu einer zurckhaltenden, teils sogardefensiven Einstellung zum Sport seitensder rzte (Bung 1999, Koniak-Griffin1994). Zwar scheinen Zeiten pass, in de-nen rzte ihren schwangeren, komplika-tionslosen Patientinnen Sportaktivitt re-gelrecht verboten haben, es kann aberweiterhin von einem Beratungsdefizit sei-tens der rzteschaft hinsichtlich konkre-ter Empfehlungen zum Sport- und Bewe-gungsverhalten in der Schwangerschaftgesprochen werden (Entin & Munhall2006, Koniak-Griffin 1994). Somit ist esnicht verwunderlich, dass aktive Schwan-gere noch immer eher selten sind, geradewenn der betreuende Gynkologe keineInformationen und expliziten Anregun-gen vermittelt. Viele Schwangere reduzie-ren daher ihr Sport- und Bewegungsver-halten stark oder werden sogar ganz pas-siv. Zahlen aus den USA legen nahe, dass34,5 bis 60 % vllig auf sportliche Aktivittverzichten (Evenson et al. 2004, Poudevi-gne & O`Connor 2006).

    Im Folgenden werden ausgewhlte psy-chosoziale und biomedizinische Aspektedifferenziert aufgegriffen.

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    Psychosoziale Evidenzen

    Depression und StressFrauen erleben in der Schwangerschafthufig Stimmungsschwankungen undklagen ber depressive Verstimmungen,Mdigkeit und ngste, die das Wohlbefin-den beeintrchtigen (Marquez-Sterling etal. 2000). Der Benefit von moderatemSport- und Bewegungsverhalten auf diepsychische Befindlichkeit ist in der Litera-tur gut belegt (Guskowska 2004). Vor al-lem bei der Behandlung und Prventionvon Depressionen und stressinduziertenBeschwerden erweisen sich Sport und Be-wegung als geeignete Intervention (Bidd-le & Mutrie 2007). Mit ihrer Lngsschnitt-studie verffentlichten DaCosta, Rippen,Dritsa & Ring 2003, dass aktive Schwange-re whrend der ersten 6 Monate signifi-kant weniger depressiv gestimmt sind,weniger alltglichen rger wahrnehmenund unter weniger Angstzustnden undschwangerschaftsbezogenem Stress lei-den als inaktive Schwangere. Frauen, dienoch im 3. Trimester aktiv waren, berich-teten weniger ber Angstzustnde als in-aktive Frauen. Des Weiteren zeigen aktu-elle Studien, dass Stimmung und Wohlbe-

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    Sportverl Sportschad 2008; 22

    finden Hochschwangerer weniger mit derobjektiven (messbaren) als vielmehr mitder subjektiv wahrgenommenen Fitnesszusammenhngen (Sulprizio et al. 2008).

    Kontrollberzeugung undKrperbildDie Vernderungen in der Schwanger-schaft, vor allem das zunehmende Ge-wicht und der rasch zunehmende Krper-umfang, knnen zu Beeintrchtigungendes wahrgenommenen Krperbilds undauf diesem Weg zu einem herabgesetztenSelbstbewusstsein fhren. VerschiedeneStudien zeigen Effekte von Bewegungsak-tivitt auf ein positiveres Krperbild (Imm& Pruitt 1991), ein verbessertes Selbst-wertgefhl (Goodwin et al. 2000) sowieeine strkere internale Kontrollberzeu-gung (Koniak-Griffin 1994). Sportlich ak-tive Frauen unterscheiden sich von nichtaktiven hinsichtlich ihrer Selbstwahrneh-

    mung und auch hinsichtlich unter der Ge-burt auszuhaltenden Schmerzen (Reimerset al. 2008). Es ist davon auszugehen, dassdas durch Sport- und Bewegungsaktivittverbesserte Krperbild zur Wahrneh-mung hherer krperlicher Kompetenzfhrt, welche mit der erhhten Bereit-schaft zur aktiven und selbstbestimmtenGeburt einhergeht.

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    Biomedizinische Evidenzen

    GestationsdiabetesMan geht davon aus, dass 47 % allerSchwangeren einen Gestationsdiabetesentwickeln, der im weiteren Verlauf in2050% aller Flle in einen manifestenmaternalen Diabetes mellitus bergeht.Sportlich aktive Frauen haben ein gerin-geres Risiko fr die Ausbildung eines Ge-stationsdiabetes als inaktive Frauen. Da-

    bei gilt sowohl der Sport whrend als auchvor der Schwangerschaft als Therapeuti-kum und Prventionsmethode (Dempseyet al. 2005). Diese Ergebnisse gelten frleichte krperliche Aktivitt im Alltag(z. B. regelmiges Treppensteigen) eben-so wie fr Krafttraining im Unterschiedzum sonst aerob orientierten Sporttrei-ben. Die Vorteile wurden vor allem beibergewichtigen inaktiven Frauen festge-stellt: Entwickeln diese einen Gestations-diabetes, so knnen sie durch ein regelm-iges Ausdauertraining vielfach eine Insu-lintherapie herauszgern oder sogar ver-meiden. Insbesondere die Beanspruchunggroer Muskelgruppen verbessert dieGlukoseaufnahme der Zellen und die In-sulinsensitivit.

    PreklampsieDie aktuelle Forschungslage belegt eindeutlich reduziertes Preklampsie-Risiko(EPH-Gestose) bei aktiven Schwangerenim Vergleich zu Frauen, die sich in den er-sten 20 Schwangerschaftswochen nichtregelmig krperlich bettigen (Demp-sey et al. 2005). Auch in diesem Zusam-menhang gilt bereits ein erhhtes Bewe-gungspensum im Alltag als risikomil-dernd (Sorensen et al. 2003). Als Ursachewird die Absenkung des Blutdrucks in Fol-ge sportlicher Belastung auch auf nied-rigem Niveau gesehen. Auerdem fin-den sich diese Effekte, wenn die Schwan-gere vor der Gestation sportlich aktiv war.Eine bestehende Preklampsie gilt dage-gen nach wie vor als Kontraindikation frdie Aufnahme oder Fortfhrung einessportlichen Trainings whrend derSchwangerschaft.

    RckenschmerzenIn der Schwangerschaft erhht sich durchdie Gewichtszunahme die Belastung aufdie Gelenke. Die Statik verndert sichdurch den vergrerten Uterus, es tritteine verstrkte lumbale Lordosierung einund es treten vermehrt Rckenschmerzenauf. Ferner nimmt man an, dass es zu einererhhten Laxitt in Sehnen, Bndern undGelenken durch den Einfluss von Relaxinund strogenen kommt. Durch krperli-che Aktivitt lassen sich Haltungsschdenund Rckenprobleme vermindern odergar vermeiden (Lochmller & Friese 2004).

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    Fr die Beratungspraxis

    Nach wie vor bieten Sport und Bewe-gungsaktivitt in komplikationslosenSchwangerschaften deutliche psychoso-

    Bei gesunden Schwangeren spricht nichts gegen moderaten Sport bis zum Tag der Geburt (Bild: PhotoDisc).

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    Sportverl Sportschad 2008; 22

    ziale und biomedizinische Vorteile, vor al-lem dann, wenn Ausma und Belastungs-intensitt an die Kompetenzen der Mutterangepasst sind. Bei der Empfehlung zumSport sollten bestimmte Leitlinien beach-tet werden: Sportarten, die Frauen vor derSchwangerschaft bereits ausgebt habenund beherrschen, knnen unter Risikore-duzierung (z.B. kein harter Gegnerkon-takt; Sportsttten mit geringem Sturzrisi-ko aussuchen) fortgesetzt werden

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