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Page 1: FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG, 30. JANUAR …€¦ · FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG, 30. JANUAR 2011, NR. 4 WIRTSCHAFT 33 Bascha Mika ist eine der weni-gen Frauen,

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Bascha Mika ist eine der weni-gen Frauen, die es in einer Zei-tung nach ganz oben geschaffthaben. Elf Jahre lang war die Li-teraturwissenschaftlerin Chefre-dakteurin bei der linken Tages-zeitung taz in Berlin. 2009 verab-schiedete sie sich dort. Nun mel-det sich mit einem provokantenBuch zurück. Ausgerechnet sie,die Autorin aus dem frauenbe-wegten linken Lager, schreibt ge-gen die gängige These an, dassdie bösen, von Männern gemach-ten Strukturen allein den Auf-stieg der Frauen verhindern wür-den.

„Die Feigheit der Frauen“überschreibt Mika das Buch, dasin einer Woche erscheint. Unter-titel: „Rollenfallen und Geisel-mentalität. Eine Streitschrift wi-der den Selbstbetrug“. Die 57Jahre alte Publizistin räumt aufmit den gängigen Erklärungs-mustern: „Wir leben in einervon Männern dominierten Ge-sellschaft“, schreibt sie. Dasstimmt. Aber warum? „Weil wirvon dem System profitieren,weil es bequem ist und weil wirkonfliktscheu sind.“

Alles der gläsernen Decke zu-zuschreiben, funktionierte nicht.Frauen bleiben zurück, weil sie

nichts wagen, nichts riskieren.„Ich glaube, wir wollen es garnicht anders“, sagt die Autorinund provoziert damit gewiss Wi-derspruch. Das wiederum kur-belt garantiert den Absatz an, Ba-scha Mika ist schließlich Profi.Sie weiß, wie man sich ins Ge-spräch bringt.

Schon ihre Biografie über dieEmma-Herausgeberin AliceSchwarzer hat 1998 für einigenWirbel gesorgt, weil es die Hel-din der Frauenbewegung sehrambivalent zeichnete, sie als eineFrau beschrieb, die „tyrannisch“sei und das Bedürfnis hege, „an-dere zu dominieren“.

Allein das wurde von Schwar-zers Fangemeinde schon als frau-enfeindlich und als öffentlicheHinrichtung gewertet. Auch dies-mal ist mit einem Aufschrei derGender-Gemeinde zu rechnen,so viel ist gewiss.

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Bascha Mika, Journalistin

Frauen sindzu feige

Frau Knaths, in Ihren Seminarenhelfen Sie Frauen, in der Männer-welt ihrer Firma besser zurechtzu-kommen und aufzusteigen. Wasmachen die Frauen falsch?

Falsch ist nicht das richtige Wort.Die Frauen haben ein bestimmtesVerhalten eingeübt, das sicherlichseine Berechtigung hat für viele Si-tuationen im Leben. Sie kommuni-zieren in flachen Hierarchien, esgeht ihnen in Diskussionen eherum die Sache als darum, ihrenPlatz zu erobern und zu verteidi-gen. In Organisationen mit hierar-chischen Kommunikationsstruktu-ren wie in Unternehmen führt dasaber zu Schwierigkeiten. Dort ver-sucht man, sich durch Kommunika-tion nach unten abzugrenzen undnach oben die Sonne zu suchen.

Was für Probleme entstehen dar-aus? Geben Sie mal ein Beispiel!

Der Klassiker ist: Eine Frau äußertin einer Besprechung eine be-stimmte Idee, keiner sagt etwasdazu. Ein paar Minuten später sagtKollege Schröder genau das Glei-che – er denkt vielleicht, es hättenStimmen zu ihm gesprochen – undalle sagen: Klasse Beitrag!

Das kennt man, aber wieso ist dasein Frauenproblem?

Weil Frauen die Art der Kommuni-kation in Besprechungen nicht sogut durchschauen wie Männer.

Welchen Fehler hat die Frau imBeispiel gemacht?

Es kann am Timing liegen. Sie hatihre Idee zu früh genannt. Geradewaren alle Männer am Tisch nochdabei, die Hackordnung zu klären.Niemand hörte auf Inhalte. Sie hatdas ignoriert und mit der Sachdis-kussion begonnen. Oder die Frauhat einen der typischen weiblichenFehler begangen und in die Rundegesprochen, statt die Nummereins, den Chef oder die Chefin, zuadressieren. Tut sie das nicht, dannwird ihr Beitrag nur als Geräuschempfunden. Und Schröder kannein paar Minuten später der Num-mer eins das Gleiche sagen undwird auf einmal von allen gehört.

Nennen Sie uns noch ein Beispiel!Ein klassisches Missverständnis istauch die Unterbrechung. Männerunterbrechen häufiger als Frauen,

und Frauen neigen dazu, sich un-terbrechen zu lassen, aufmerksamdem anderen zuzuhören und dannzu versuchen, noch einmal ihrenBeitrag zu bringen.

Das ist doch höflich.Nein, in einer beruflichen Bespre-chung ist es absolut in OrdnungKollegen zu unterbrechen, manch-mal sogar erwünscht. Wenn manetwa den Eindruck hat, die Num-mer eins im Raum ist gelangweiltoder genervt von dem, was der Kol-lege sagt, dann ist der Zeitpunkt ge-kommen, ihn zu unterbrechen unddie eigene Botschaft an die Eins zurichten. Ist das ein guter Beitrag,so ist die Unterbrechung absolutin Ordnung.

Was ist, wenn man selbst unter-brochen wird?

Frauen neigen dazu, sich dem Un-terbrecher zuzuwenden, ihm zuzu-hören oder aber die Unterbre-

chung zu thematisieren. Etwa so:„Würden Sie mich bitte mal ausre-den lassen.“ Das wird von denMännern oft als zickig empfunden.Besser man spricht einfach weiter– und zwar weiter an die Nummereins, die wird im Zweifel zuhörenund den Störer ignorieren.

Das klingt aber unangenehm. Sa-gen da nicht viele Frauen: Das istmir zu blöd?

Schon, aber das ist eine Bewertungaus einer unwissenden Position her-aus. Wenn sie das einmal auspro-biert haben und merken, dass esfunktioniert und dass es sich garnicht schlecht anfühlt, dann sehensie das meist anders – und habenvielleicht sogar Spaß dabei.

Spaß an dem Machtkampf?Kampf klingt immer so ver-krampft. Für Frauen geht es eherdarum, sich mit mehr Ruhe undGelassenheit durchzusetzen.

Wieso? Die Männer kämpfendoch auch offensiv um ihre Positi-on.

Es gibt eine Grauzone. Ein Manndarf sich aggressiver verhalten alseine Frau. Er gilt dann als dyna-misch, toll – jede Organisationkennt einen Choleriker als Chef.Zeigt eine Frau das gleiche Verhal-ten, gilt sie gleich als hysterisch,den Anforderungen nicht gewach-sen und fällt aus für eine Führungs-position. Deshalb geht es für Frau-en darum, zu lernen, sich ruhig,aber bestimmt zu verhalten. Sie sol-len ja auch nicht zu Männern wer-den, sondern lediglich auch denKommunikationsstil erlernen, denMänner typischerweise anwenden.

Gehört dazu auch die Körperspra-che?

Natürlich.Verraten Sie uns Ihre Geheim-tipps!

So geheim sind die gar nicht. Manmuss gut aufgestellt sein, das heißt:Brust raus, Schultern runter,Bauch rein, Kinn nach oben – undvor allem: nicht klein und schmalmachen. ÜbereinandergeschlageneBeine mögen telegen feminin wir-ken, aber dann müssen Sie sichoben breit machen, die Ellbogenvom Körper lösen.

Das klingt ja furchtbar.Gar nicht, das sieht super aus –und man wird als kompetenterwahrgenommen. Ich nenne das dieUrsula-von-der-Leyen-Grund-kampfhaltung. Alles Mädchenhafteist dabei störend: ein schief geleg-ter Kopf, zu viel Lächeln, Nickenund „Hm, hm“-Sagen. Freundlich-keit und Charme sind Kernkompe-tenzen, aber die müssen Sie gezielteinsetzen.

Also im Zweifel das Pokerface auf-setzen.

Es kann nicht schaden, wenn Frau-en das auch beherrschen.

Puh, und wann dürfen Frauenendlich wieder so reden und sit-zen, wie sie es gewohnt sind?

Allein kann man die Spielregelnnicht ändern. Dafür braucht eseine kritische Masse von mehr alseinem Drittel Frauen in einer Fir-ma oder einer Besprechung.

Das Gespräch führte Lisa Nienhaus.

gewonnenen Frauenfokus bei undtragen ihn weiter: in Stiftungen,Unternehmensberatungen und For-schungsinstitute, in Ministerienund in internationale Institutio-nen.

Dabei ist beileibe nicht jederFrauenförderer eine Feministin,nicht einmal unbedingt eine Frau.Auch Männer üben sich als Gen-der-Coaches, Diversity-Traineroder errichten Informationsplattfor-men für qualifizierte Frauen, wieder Leiter des Instituts für Interna-tionales Management an der Ham-burger Bundeswehrhochschule, Mi-chel Domsch, mit dem „Gender-dax“.

Ob Quote oder nicht, diese The-men werden auch innerhalb der Di-versity-Branche kontrovers disku-tiert. Dazu bieten sich Foren jegli-cher Art. Frau ist überall ein The-

ma. Auf den Berliner Wirtschaftsge-sprächen, auf Symposien in Har-vard und Oxford bis hinunter zuden Ortsverbänden der CSU undden Landfrauen.

Nur sitzen auf den Podien zu-meist nach wie vor Männer. „DieVeranstalter finden keine Referen-tinnen“, sagt die Münchner PR-Frau Christiane Wolff. „Sie wissenauch gar nicht, wo sie sie findenkönnten.“ Deshalb vermittelt sieseit Ende vorigen Jahres Frauen alsRednerinnen. 150 listet sie schon inder Datenbank der Women Spea-ker Foundation. Darunter einige,die zum Thema „Gender and Di-versity“ sprechen. Aber nicht nur.Wolff bietet auch klassische Marke-ting- und Internet-Expertinnen, Fi-nanz- und Naturwissenschaftlerin-nen, eine Glücksforscherin, einePolarforscherin, eine Profi-Fußbal-

lerin und die erste Deutsche, dieden Mount Everest bestiegen hat.„Frauen werden händeringend füralle Themen und alle Anlässe ge-sucht“, sagt sie. „Die Leute habenes satt, immer die gleichen Männer-runden zu erleben.“ Unter 3000Euro ist keine ihrer Rednerinnenzu buchen, die Gagen gehen hochbis 10 000 Euro. Wolff erhält eineVermittlungsgebühr.

Unternehmensberaterin MonikaSchulz-Strelow ist eine der Frauen,die sich überall Gehör verschaffen.Zusammen mit anderen Unterneh-merinnen hat sie 2006 die Initiative„Frauen in die Aufsichtsräte“ (Fi-dar) gegründet. Ihre Forderung: 25Prozent oder mehr Frauen in Auf-sichtsräte. Und sie ist optimistisch:„Wir spüren den Rückenwind dereuropäischen Nachbarn und in zu-nehmender Weise das Umdenkenin der deutschen Wirtschaft.“ DieZeit der mächtigen Männer sei ab-gelaufen. „Das neue Jahrzehnt wirddas Jahrzehnt der Frauen in derWirtschaft.“

Gleich mehrere Anbieter ma-chen sich daran, die Frauen für dieAufsichtsratsposten zu trainieren.Der Verband der Unternehmerin-nen (VdU) plant mit Wirtschafts-prüfern von Pricewaterhouse Coo-pers und der Kommunikationsex-pertin Marianne Denk-Helmold ei-nen Crashkurs für zunächst 150 ge-eignete Anwärterinnen. Der ersteKurs mit einem Dutzend Frauenfand im Dezember statt. Juristin-nen waren dabei, Unternehmerin-nen, Beraterinnen und eine Inge-nieurin, alle mit Führungserfah-rung. Drei Tage erhielten sie Nach-hilfe in juristischen und betriebs-wirtschaftlichen Fragen, im Auftre-ten und Argumentieren. Kostenpro Teilnehmerin: 500 Euro, denRest teilen sich Verband, Bundesin-itiative „Gleichstellen“ und Euro-päischer Sozialfonds.

An der Universität St. Gallengibt es ein ähnliches „Intensivsemi-nar“ für angehende Verwaltungsrä-tinnen – dafür müssen die Frauenallerdings ein dickes Bündel Schwei-zer Franken auf den Tisch legen.

Die Nachfrage ist hier wie dortgroß. Die VdU-Gründerin KäteAhlmann hat mal gesagt: „Weißtdu, Kind, ob mir ein Mann in derStraßenbahn seinen Platz anbietet,ist mir egal. Er soll mir seinen Sitzim Aufsichtsrat anbieten.“ Das war1963, und Ahlmann hatte nach demTod ihres Mannes ein großes Stahl-werk geführt. 40 Jahre später ste-hen die Frauen bereit. Müssen nurdie Männer noch aufstehen undPlätze freimachen.

Roy Lichtenstein: The Sound of Music (c)VG Bild-Kunst, Bonn 2011, Bridgemanart

Marion Knaths bringt Frauenbei, wie sie sich in derMännerwelt der Unternehmendurchsetzen. Im Interviewverrät sie Tricks für jederfrau.

Roy Lichtenstein: Ohhh... Alright... (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2011, Artothek

Foto Picture-Alliance/ ZB

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Die Spiele der Männer lernen

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