simmel-philosophie der mode 1905 - ?· simmel, georg, philosophische kultur. gesammelte essais,...

Download Simmel-Philosophie der Mode 1905 - ?· Simmel, Georg, Philosophische Kultur. Gesammelte Essais, Leipzig…

Post on 16-Jun-2018

214 views

Category:

Documents

0 download

Embed Size (px)

TRANSCRIPT

  • www.modetheorie.de

    Simmel, Philosophie der Mode, 1905, 1 (21)

    Simmel, Philosophie der Mode, 1905, 1 (21) www.modetheorie.de

    Simmel, Georg

    Philosophie der Mode Moderne Zeitfragen, Nr. 11, hg. von Hans Landsberg, Berlin o .J. (1905), 5-41

    Unter dem Titel Die Mode wieder abgedruckt in:

    Simmel, Georg, Philosophische Kultur. Gesammelte Essais, Leipzig 1911, 29-64

    5

    Die Art, wie es uns gegeben ist, die Erscheinungen des Lebens aufzufassen, lt uns an jedem Punkte des Daseins eine Mehrheit von Krften fhlen; und zwar so, da eine jede von diesen eigentlich ber die wirkliche Erscheinung hinausstrebt, ihre Unendlichkeit an der andern bricht und in bloe Spannkraft und Sehnsucht umsetzt. Denn der Mensch ist ein dualistisches Wesen von Anbeginn an; und dies verhindert die Einheitlichkeit seines Tuns so wenig, da es grade erst als Ergebnis einer Vielfachheit von Elementen eine kraftvolle Einheit zeigt. Eine Erscheinung, der solche Verzweigung von Wurzelkrften fehlte, wrde uns arm und leer sein. Erst indem jede innere Energie ber das Ma ihrer sichtbaren Aeuerung hinaus-drngt, gewinnt das Leben jenen Reichtum unausgeschpfter Mglichkeiten, der seine fragmentarische Wirklichkeit ergnzt; erst damit lassen seine Erscheinungen tiefere Krfte, ungelstere Spannungen, Kampf und Frieden umfnglicherer Art ahnen, als ihre unmittelbare Gegebenheit verrt.

    Dieser Dualismus kann nicht unmittelbar beschrieben, sondern nur an den einzel-nen Gegenstzen, die fr unser Dasein typisch sind, als ihre letzte, gestaltende Form gefhlt werden.

    6

    Den ersten Fingerzeig gibt die physiologische Grundlage unseres Wesens: dieses bedarf der Bewegung wie der Ruhe, der Produktivitt wie der Rezeptivitt. Dies in das Leben des Geistes fortsetzend, werden wir einerseits von der Bestrebung nach dem Allgemeinen gelenkt, wie von dem Bedrfnis, das Einzelne zu erfassen; jenes gewhrt unserm Geist Ruhe, die Besonderung lt ihn von Fall zu Fall sich bewegen. Und nicht anders im Gefhlsleben: wir suchen nicht weniger die ruhige Hingabe an Menschen und Dinge, wie die energische Selbstbehauptung beiden gegenber. Die ganze Geschichte der Gesellschaft lt sich an dem Kampf, dem Kompromi, den langsam gewonnenen und schnell verlorenen Vershnungen

  • www.modetheorie.de

    Simmel, Philosophie der Mode, 1905, 2 (21)

    Simmel, Philosophie der Mode, 1905, 2 (21) www.modetheorie.de

    abrollen, die zwischen der Verschmelzung mit unserer sozialen Gruppe und der individuellen Heraushebung aus ihr auftreten. Mag sich die Schwingung unsrer Seele zwischen diesen Polen philosophisch verkrpern im Gegensatz der All-Einheits-Lehre und dem Dogma von der Unvergleichlichkeit, dem Fr-sich-sein jedes Weltelementes, mgen sie sich praktisch bekmpfen als die Parteigegenst-ze des Sozialismus und des Individualismus, immer ist es eine und dieselbe Grundform der Zweiheit, die sich schlielich im biologischen Bilde als der Ge-gensatz von Vererbung und Variabilitt offenbart die erste der Trger des Allge-meinen, der Einheit, der beruhigten Gleichheit von Formen und Inhalten des Le-bens, die andere die Bewegtheit, die Mannigfaltigkeit gesonderter Elemente, die unruhige Entwicklung eines individuellen Lebensinhaltes zu einem anderen er-zeugend. Jede wesentliche Lebensform in der Geschichte unserer Gattung stellt auf ihrem Gebiete eine besondere Art dar, das Interesse an der Dauer, der Einheit, der Gleichheit mit dem an der Vernderung, dem Besonderen, dem Einzigartigen zu vereinen.

    7

    Innerhalb der sozialen Verkrperung dieser Gegenstze wird die eine Seite der-selben meistens von der psychologischen Tendenz zur Nachahmung getragen. Die Nachahmung knnte man als eine psychologische Vererbung bezeichnen, als den Uebergang des Gruppenlebens in das individuelle Leben. Ihr Reiz ist zunchst der, da sie uns ein zweckmiges und sinnvolles Tun auch da ermglicht, wo nichts Persnliches und Schpferisches auf den Plan tritt. Man mchte sie das Kind des Gedankens mit der Gedankenlosigkeit nennen. Sie gibt dem Individuum die Beruhigung, bei seinem Handeln nicht allein zu stehen, sondern erhebt sich ber den bisherigen Ausbungen derselben Ttigkeit wie auf einem festen Unter-bau, der die jetzige von der Schwierigkeit, sich selbst zu tragen, entlastet. Wo wir nachahmen, schieben wir nicht nur die Forderung produktiver Energie von uns auf den andern, sondern zugleich auch die Verantwortung fr dieses Tun; so befreit sie das Individuum von der Qual der Wahl und lt es schlechthin als ein Ge-schpf der Gruppe, als ein Gef sozialer Inhalte erscheinen. Der Nachahmungs-trieb als Prinzip charakterisiert eine Entwicklungsstufe, auf der der Wunsch zweckmiger persnlicher Ttigkeit lebendig, aber die Fhigkeit, individuelle Inhalte derselben zu gewinnen, nicht vorhanden ist. Der Fortschritt ber diese Stufe hinaus ist der, da auer dem Gegebenen, dem Vergangenen, dem Ueberlie-ferten die Zukunft das Denken, Handeln und Fhlen bestimmt: der teleologische Mensch ist der Gegenpol des Nachahmenden. So entspricht die Nachahmung in all den Erscheinungen, fr die sie ein bildender Faktor ist, einer der Grundrich-tungen unseres Wesens, derjenigen, die sich an der Einschmelzung des Einzelnen in die Allgemeinheit befriedigt, die das Bleibende

    8

    im Wechsel betont. Wo aber umgekehrt der Wechsel im Bleibenden gesucht wird, die individuelle Differenzierung, das Sich-abheben von der Allgemeinheit, da ist die Nachahmung das negierende und hemmende Prinzip. Und gerade weil die Sehnsucht, bei dem Gegebenen zu verharren und das gleiche zu tun und zu sein

  • www.modetheorie.de

    Simmel, Philosophie der Mode, 1905, 3 (21)

    Simmel, Philosophie der Mode, 1905, 3 (21) www.modetheorie.de

    wie die anderen, der unvershnliche Feind jener ist, die zu neuen und eigenen Lebensformen vorschreiten will, darum wird das gesellschaftliche Leben als der Kampfplatz erscheinen, auf dem jeder Fubreit von beiden umstritten wird, die gesellschaftlichen Institutionen als die - niemals dauernden - Vershnungen, in denen der weiterwirkende Antagonismus beider die uere Form einer Kooperati-on angenommen hat.

    Die Lebensbedingungen der Mode als einer durchgngigen Erscheinung in der Geschichte unserer Gattung sind hiermit umschrieben. Sie ist Nachahmung eines gegebenen Musters und gengt damit dem Bedrfnis nach sozialer Anlehnung, sie fhrt den Einzelnen auf die Bahn, die Alle gehen, sie gibt ein Allgemeines, das das Verhalten jedes Einzelnen zu einem bloen Beispiel macht. Nicht weniger aber befriedigt sie das Unterschiedsbedrfnis, die Tendenz auf Differenzierung, Abwechslung, Sich-Abheben. Und dies letztere gelingt ihr einerseits durch den Wechsel der Inhalte, der die Mode von heute individuell prgt gegenber der von gestern und von morgen, es gelingt ihr noch energischer dadurch, da Moden im-mer Klassenmoden sind, da die Moden der hheren Schicht sich von der der tie-feren unterscheiden und in dem Augenblick verlassen werden, in dem diese letzte-re sie sich anzueignen beginnt. So ist die Mode nichts anderes als eine besondere unter den vielen Lebensformen, durch die man die Tendenz nach sozialer

    9

    Egalisierung mit der nach individueller Unterschiedenheit und Abwechslung in einem einheitlichen Tun zusammenfhrt. Fragte man die Geschichte der Moden, die bisher nur auf die Entwicklung ihrer Inhalte untersucht worden ist, nach ihrer Bedeutung fr die Form des gesellschaftlichen Prozesses, so ist sie die Geschichte der Versuche, die Befriedigung dieser beiden Gegentendenzen immer vollkom-mener dem Stande der jeweiligen individuellen und gesellschaftlichen Kultur an-zupassen. In dieses Grundwesen der Mode ordnen sich die einzelnen psychologi-schen Zge ein, die wir an ihr beobachten.

    Sie ist, wie ich sagte, ein Produkt klassenmiger Scheidung und verhlt sich so wie eine Anzahl anderer Gebilde, vor allem wie die Ehre, deren Doppelfunktion es ist, einen Kreis in sich zusammen- und ihn zugleich von anderen abzuschlie-en. Wie der Rahmen eines Bildes das Kunstwerk als einheitliches, in sich zu-sammengehriges, als eine Welt fr sich charakterisiert und zugleich, nach auen wirkend, alle Beziehungen zu der rumlichen Umgebung abschneidet; wie die einheitliche Energie solcher Gebilde fr uns nicht anders ausdrckbar ist, als in-dem wir sie in die Doppelwirkung nach innen und nach auen zerlegen, - so zieht die Ehre ihren Charakter und vor allem ihre sittlichen Rechte - Rechte, die sehr hufig von dem Standpunkt der auerhalb der Klasse Stehenden als Unrecht emp-funden werden - daraus, da der Einzelne in seiner Ehre eben zugleich die seines sozialen Kreises, seines Standes, darstellt und bewahrt. So bedeutet die Mode ei-nerseits den Anschlu an die Gleichgestellten, die Einheit eines durch sie charak-terisierten Kreises, und eben damit den Abschlu dieser Gruppe gegen die tiefer Stehenden, die Charakterisierung dieser als nicht zu jener gehrig. Verbinden und Unterscheiden

  • www.modetheorie.de

    Simmel, Philosophie der Mode, 1905, 4 (21)

    Simmel, Philosophie der Mode, 1905, 4 (21) www.modetheorie.de

    10

    sind die beiden Grundfunktionen, die sich hier untrennbar vereinigen, von denen eines, obgleich oder weil es den logischen Gegensatz zu dem andern bildet, die Bedingung seiner Verwirklichung ist. Da die Mode so ein bloes Erzeugnis so-zialer Bedrfnisse ist, wird vielleicht durch nichts strker erwiesen als dadurch, da in sachlicher, sthetischer oder sonstiger Zweckmigkeitsbeziehung unzhli-ge Male nicht der geringste Grund fr ihre Gestaltungen auffindbar ist. Whrend im allgemeinen z. B. unsere Kleidung unsern Bedrfnissen sachlich angepat ist, waltet keine Spur von Zweckmigkeit in den Entscheidungen, durch die die Mode sie formt: ob weite oder enge Rcke, spitze oder breite Frisuren, bunte oder schwarze Krawatten getragen werden. So hliche und widrige Dinge sind manchmal modern, als wollte die Mode ihre Macht ge