Die Rolle der Nachhaltigkeit in der ?· Mit der Veränderung des Lebensstandards verändern ... technischen…

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  • Sitzungsberichte der Leibniz-Soziett 130 (2017), 99129 der Wissenschaften zu Berlin

    Marek Hauptmann, Jens-Peter Majschak

    Die Rolle der Nachhaltigkeit in der Konsumgterproduktion, ihre Einschtzung, Kommunikation und Nutzung am Beispiel der Verpackungstechnik

    1 Gesellschaftliche Entwicklungen in der Konsumgterproduktion

    Die Bevlkerung der Erde wchst seit Beginn der Zeitrechnung annhernd kontinuierlich. Bis 1804 ist der Gradient der Wachstumskurve gering. Die Weltbevlkerung erreicht innerhalb dieser ca. 1800 Jahre eine Milliarde Men-schen. In den darauf folgenden 123 Jahren steigt sie bereits um eine weitere Milliarde Menschen. Die Intervalle, in denen jeweils eine weitere Milliarde Menschen hinzukommen, werden in der Folge zunehmend krzer und haben derzeit ihren Minimalwert mit zwlf Jahren angenommen (vgl. UNFPA 2011). Die Entstehung des sprunghaften Wachstums der Weltbevlkerung zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wird auf die technischen Entwick-lungen zur Untersttzung der Produktion von Konsumgtern zurckgefhrt. Diese Entwicklungen werden nach Henning Kagemann, Wolfgang Wahlster und Johannes Helbig in vier Stufen der Industrialisierung untergliedert, die jeweils als industrielle Revolution bezeichnet werden (vgl. Kagemann et al. 2013). Eine differenziertere Betrachtung des Bevlkerungswachstums unter Bercksichtigung der Gesellschaftsentwicklungen auf Kontinenten bzw. in einzelnen Lndern zeigt, dass derzeit mehrere gesellschaftliche Entwick-lungsstadien parallel ablaufen, die durch ihre Wechselwirkungen nicht voll-stndig unabhngig voneinander sind und demnach nicht nach identischem, aber dennoch vergleichbarem Schema ablaufen. Diese Stadien werden in der Soziologie durch das Modell des demographischen Wandels beschrie-ben, was auf die Interpretation der demographischen Geschichte von Warren Thompson aus dem Jahr 1929 zurckgeht (vgl. Demeney/McNicoll 2003).

    Neben der Lebenserwartung steigt mit den hheren Entwicklungsstadien der Gesellschaft auch der Lebensstandard, fr den das Pro-Kopf-Einkom-men ein Indikator ist. Mit der Vernderung des Lebensstandards verndern sich die Bedrfnisse der Menschen, die durch die Konsumgterproduktion befriedigt werden sollen. Nach Abraham H. Maslow setzen sich die Bedrf-

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    nisse der Menschen ber ihren Lebenszyklus aus physiologischen Bedrf-nissen (Ernhrung, Schlaf ect.), Sicherheitsbedrfnissen (Schutz vor Gefah-ren), sozialen Bedrfnissen (soziale Rolle im Umfeld, Freundschaft etc.), Individualbedrfnissen (Unabhngigkeit, Freiheit, Wertschtzung etc.) und dem Drang nach Selbstverwirklichung zusammen (vgl. Maslow 1943). 1971 ergnzt er diese Theorie um kognitive und sthetische Bedrfnisse und die Transzendenz als Suche nach etwas, das auerhalb des betrachteten Systems liegt (vgl. Maslow 1971). Nach Maslow berlagern sich die Bedrfnisse; diese sind aber dennoch in ihrer Priorittsabstufung nacheinander priorisiert. Auch der Entwicklungsstand der Gesellschaft und die daraus resultierenden Lebensbedingungen haben wesentlichen Einfluss auf die Prioritten und die Persnlichkeitsentwicklung. In den Lndern, die hheren Entwicklungsstufen zugerechnet werden, bestehen demnach wesentlich hhere Ansprche an die Vielfalt der Konsumgter als in Entwicklungslndern, in denen meist schon die Nahrungsmittelbereitstellung das Primrziel ist. Durch die Entkoppelung von Wohn- und Arbeitsort aufgrund der sich durchsetzenden arbeitsteiligen Produktion beginnt die Urbanisierung, die sich als wesentlicher Trend durch alle Stadien fortsetzt und progressiv verluft. Aktuell leben bereits ber 50% der Bevlkerung in Stdten (vgl. UNDESA 2012). Mit der breitflchigen Zentralisierung und dementsprechend grotechnisch angelegten Energieerzeu-gung wird diese Entwicklung bestrkt.

    Aus diesen gesellschaftlichen Entwicklungen heraus wird eine Globali-sierung von Mrkten der Konsumgterindustrie erzeugt. Die primren Res-sourcen wie Energietrger, Wasser, Boden usw. und der Bedarf an Gtern hherer Wertschpfung lassen zunchst einen internationalen Handel ent-stehen. Die Grundlage dieser Globalisierung ist die Nutzung der Ressource Erdl als Energietrger fr Transportmittel, die mit wirtschaftlicher Frde-rung und Verteilung in groen Mengen eine weltweite Distribution von Kon-sumgtern und der Rohstoffe, die zu deren Herstellung notwendig sind, er-mglicht. Als politischer Startpunkt der Globalisierung gilt das GATT-Abkommen (General Agreement on Tariffs and Trade) von Genf 1947.

    Die Globalisierung erffnet den Unternehmen die Mglichkeit, die Ar-beitskraft auszunutzen und kostenintensive Regularien wie beispielsweise Umweltschutzvorschriften zu umgehen. Der Drang nach Produktivittsstei-gerung, um die Versorgung der Menschen mit Konsumgtern zu sichern, diese aber mglichst kostengnstig zu produzieren, bewirkt eine Spezialisie-rung von Unternehmen auf bestimmte Verarbeitungsschritte (z.B. Beschich-tung von Packmitteln). Eine weitgehende Automatisierung dieser Schritte lsst eine wesentliche Steigerung der Produktivitt in der Arbeitsteilung zu

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    und es gelingt, in den hheren Entwicklungsstadien die Versorgung der an-spruchsvollen Bedrfnisse der Menschen sicher zu stellen. Die Verlagerung von Produktionskapazitten zieht sich durch alle Stufen der Wertschpfungs-kette und erzeugt eine Ausweitung der Transport-, Umschlag- und Lager-Prozesse (TUL-Prozesse). Es entsteht ein internationaler Wettbewerb, der Konsumgter global verteilt und zugnglich macht. Durch den internationa-len Austausch werden Technologien nutzbar gemacht und auf verwandte Anwendungsgebiete bertragen. Neue Mrkte und ansteigende Umstze der Unternehmen aus Industrielndern wirken als Entwicklungs- und Innova-tionsbeschleuniger. Es werden Produkte in neuen Regionen eingefhrt, die den Lebensstandard erhhen. Der globale Wettbewerb reagiert jedoch nicht ausschlielich auf Bedrfnisse der Konsumenten, sondern untersttzt den Verkauf, indem er den Konsumenten die Notwendigkeit neuer Konsumgter und ihres Mehrverbrauchs suggeriert. Es entsteht ein stndiges berangebot an Waren, das nicht immer im Verhltnis zum tatschlichen Konsum und Bedarf steht. Beides sind Faktoren, die den Bedarf an Ressourcen steigern und zu einem weltweiten Abfallproblem fhren. Die Verluste werden vor allem in der Wertschpfungskette von Lebensmitteln aufgedeckt und von Jenny Gustavsson, Christel Cederberg und Ulf Sonesson auf ber 30% der weltweiten Agrarproduktion fr Lebensmittel beziffert. In Industrielndern sind die Verluste tendenziell nur geringfgig hher als in Entwicklungsln-dern. Die Art der Verluste nach dem Ort ihres Auftretens innerhalb der Wertschpfungskette unterscheidet sich aber signifikant. In Regionen hhe-rer Entwicklungsstufen werden durch effizientere Technik bei der agrar-technischen Produktion und der Nachverarbeitung der Ernte geringere Ver-luste erzielt als in Entwicklungsregionen, in denen diese Verluste den gr-ten Anteil darstellen. Das Verbraucherverhalten erzeugt hingegen in Indus-trielndern einen starken Anstieg der Verluste beim Verbrauch der herge-stellten Produkte (vgl. Gustavsson et al. 2011).

    In Deutschland gehen ca. 11 Mio. Tonnen Lebensmittel verloren. Davon sind 61% privaten Haushalten zuzurechnen. Allein 65% der gesamten Ver-luste in der Wertschpfungskette werden als vermeidbar oder zumindest be-dingt vermeidbar eingestuft (vgl. Kranert et al. 2012). Die Ursachen sind vielfltig. Bei der Verarbeitung inklusive Verpackung von Lebensmitteln gehen die Arten der Verluste und deren Ursachen weitgehend konform mit dem in der Verarbeitungstechnik bekannten Fachgebiet Betriebsverhalten (vgl. Bleisch et al. 2011). Beispiele sind hier Verluste durch Ausflle der Maschine, Fehlverhalten von Personal oder Fehlorganisation des Produk-tionsablaufes. Im Handel prgen Wettbewerb und globale Vernetzung die

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    Verluste, die beispielsweise durch volle Regale bis Ladenschluss, Ablauf von Mindesthaltbarkeiten, berbestnde aufgrund kaum kalkulierbaren Kauf-verhaltens oder durch berbeanspruchung whrend Transport-, Lager- und Umschlagprozessen entstehen. Bei Einzelverbrauchern dagegen reduziert das stndige berangebot die Wertschtzung der Lebensmittel. Dadurch ent-stehen beispielsweise Fehlkufe aufgrund fehlenden berblicks ber Vor-rte (vgl. Kranert et al. 2012).

    Mit der Entwicklung und schnellen Verbreitung des Internets seit 1980 werden die Reaktionszeiten auf Produktionsanfragen verringert und die kurz-fristige Vergleichbarkeit von Angeboten sowie die zunehmende weltweite Vergabe von Auftrgen sind Beschleunigungsfaktoren fr Innovationsttig-keiten (vgl. Rhrig et al. 2010). Das begnstigt einen anhaltenden Trend hin zur Entwicklung von Konzernstrukturen auf der Seite des Handels, der in diesen Strukturen im Wesentlichen nur noch auf Informationssammlung, -verarbeitung und -verteilung besteht und global handlungsfhig ist.

    Die Verwendung der Ressourcen, die fr die Produktion von Konsum-gtern notwendig sind, nimmt durch das rasante Bevlkerungswachstum und die zunehmenden Ansprche an die Versorgung mit Gtern drastisch zu. Neben dem Industrialisierungsbeschleuniger Energie sind vor allem Wasser sowie Raum fr den Anbau und die Nutzung nachwachsender Roh-stoffe Ressourcen, deren berbeanspruchung bereits eingesetzt hat. Die Nutzung fossiler Rohstoffe ist zeitlich begrenzt und es besteht die Heraus-forderung, die bentigte Energie aus erneuerbarer Quelle zu generieren.

    Der Wasserverbrauch der Menschheit ist seit 1950 deutlich angestiegen, hat sich inzwischen mehr als verdreifacht und wchst kontinuierlich weiter. ber 70% der durch den Menschen genutzten Wassermenge wird durch-schnittlich in der Landwirtschaft eingesetzt. In der verarbeitenden Industrie werden durchschnittlich ca. 20% des weltweit verfgbaren Wassers verwen-det und nur 10% werden durch die Menschen direkt genutzt (vgl. Shiklo-manov 1999). Dennoch ist ein Fnftel der Weltbevlkerung in Regionen mit Wasserengpssen angesiedelt und Wasser wird bereits weltweit als ver-knappende Ressource betrachtet (vgl. UNESCO 2012).

    Die Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln und anderen Bedarfs-gtern fhrt zu einem breitflchigen Umbruch von Land zur agrartechni-schen Nutzung (vgl. WRI 2005), und das Wachstum der Bevlkerung erfor-dert zudem fortlaufend die Erweiterung des Lebensraums. Eine weitere Ausweitung des nutzfhigen Raumes ist nicht mehr in ausreichendem Mae mglich, wie es fr das Bevlkerungswachstum notwendig wre. Die proji-zierten Szenarien des Bevlkerungswachstums bis 2050 auf ber 9 Mrd.

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    Menschen bedeuten einen notwendigen Zuwachs in der Nahrungsmittelpro-duktion von bis zu 70%, um ausreichende Ernhrungssicherheit zu gewhr-leisten (vgl. UNESCO 2012). Eine zunehmende Bewsserung in der Land-wirtschaft kann bis zu 55% Zuwachs in der Nahrungsmittelproduktion brin-gen, wrde aber einen Mehrverbrauch an Wasser um 40% bedeuten (vgl. IWMI 2007). Die Ressourcen stehen miteinander in Wechselwirkung und fhren zu einem Nexus, der in der Produktion von Konsumgtern in seiner ganzen Komplexitt prsent ist.

    Diese Entwicklungen fhren zu einer breiten Wahrnehmung und zuneh-mender Akzeptanz gegenber kologischen Gesichtspunkten. Der Begriff Nachhaltigkeit beinhaltet eine Reihe von Implikationen, die mit fortlaufen-der Zeit von der reinen Ausrichtung an kologischen Gesichtspunkten auch auf gesellschaftliche Aspekte bertragen wurden. Nach dem 1987 verffent-lichten Brundtland-Bericht wird eine nachhaltige Entwicklung definiert als

    Entwicklung, die die Bedrfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass knftige Generationen ihre eigenen Bedrfnisse nicht befriedigen knnen. (WCED 1987, p. 1)

    Zu diesem Zeitpunkt bemerkt eine breite ffentlichkeit, dass der sparsame Umgang mit Ressourcen sowie ein vernderter Umgang mit kosystemen und deren Leistungen notwendig ist.

    2 Methoden zur Bewertung und Kommunikation der Nachhaltigkeit

    2.1 Wasser-Fuabdruck

    Die Charakterisierung und Darstellung von Einflssen der Produktion von Konsumgtern auf die Umwelt und ihre kosysteme ist eine grundlegende Voraussetzung fr die gezielte Steigerung der Effizienz der Ressourcennut-zung sowie ihrer Einschtzung und Kommunikation. Dazu haben sich in jngerer Vergangenheit unterschiedliche Methoden und Werkzeuge entwi-ckelt. Einzelbilanzen werden in Bezug auf vitale Medien wie Wasser, CO2, Energie bzw. genutzte Landflche erstellt. Da Wasser als eine strategische und verknappende Ressource betrachtet wird, etablierten Arjen Y. Hoekstra, Ashok K. Chapagain, Maite M. Aldaya und Mesfin M. Mekonnen den Was-ser-Fuabdruck (WF) als Kenngre fr die Verwendung von Wasser (vgl. Hoekstra et al. 2011) und unterteilen diesen in den Blauen Wasser-Fuabdruck, der die Menge entnommenen und verwen-

    deten Oberflchen- bzw. Grundwassers kennzeichnet;

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    Grnen Wasser-Fuabdruck, der die Menge genutzten Regen- und Bo-denwassers darstellt;

    Grauen Wasser-Fuabdruck, der die Menge des Wassers kennzeichnet, das bentigt wird, um Wasseremissionen so zu verdnnen, dass die darin enthaltenen Schadstoffe unterhalb der festgelegten Emissionsgrenzwerte liegen.

    Diese Differenzierung ist eine wichtige Grundlage fr die Einschtzung der Wassereffizienz. Whrend der Grne WF im Grunde ein passives Ma fr die Nutzung der natrlichen Bedingungen ist, kennzeichnet der Graue Was-ser-Fuabdruck im Grunde direkt die Umweltverschmutzungen. Der Blaue WF stellt nicht wirklich einen Verlust dar, da das Wasser im Kreislauf er-halten bleibt, beinhaltet aber dennoch eine indirekte Beurteilung der Um-weltbeeinflussung, da eine Nutzbarmachung von Wasserressourcen und eine sprbare nderung ihrer Verteilung im Kreislauf hufig gravierende Ein-griffe zur Folge hat (z.B. Entwsserung von Mooren).

    Fr die Bestimmung des WF wird zunchst der direkte Wasserverbrauch von Prozessen, wie z.B. der Energiegewinnung, dem landwirtschaftlichen Anbau, dem Transport von Gtern oder deren Verarbeitung als Basis ermit-telt (vgl. Hoekstra et al. 2011). Diese Werte lassen sich dann zu einem WF von Personen, Personengruppen, ganzer Gebiete (z.B. Lnder) oder Produk-ten akkumulieren. Die in der Wertschpfungskette entstehenden Wassermen-gen einzelner Stufen werden als virtuelles Wasser bezeichnet. Durch diese differenzierte Betrachtung werden einerseits die Ortsbedingungen der Pro-zesse bercksichtigt, von denen der Betrag des WF mageblich abhngen kann (siehe Tab. 1), und andererseits die Handelsbeziehungen aufgelst, die vor allem bei der Ermittlung des Wasser-Fuabdrucks von Personen und Personengruppen groen Einfluss auf das Ergebnis haben. Es ist aus dem WF nicht auflsbar, ob Oberflchenwasser verwendet wird oder Grundwas-ser. Der hohe Wasserbedarf zum Wachstum von Pflanzen (siehe Tab. 1) fhrt auch zu einem bedeutend hheren WF einiger erneuerbarer Energie-trger im Vergleich zu konventionellen Energietrgern (vgl. Gerbens-Lee-nes et al. 2009; siehe Tab. 2).

    Neben...