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    Wieland Zirbs Von Doppelgngern und Maschinenmenschen. Phan-tastik und Science Fiction. Modelle fr den Unterricht1 ber welches Thema liee sich in dieser Stadt mit grerem Recht referieren als ber das Phantastische. Die geistige Lebensform Prag, die sich zu Beginn unseres Jahrhunderts aus dem spannungsreichen Miteinander von deutscher, jdischer und tschechischer Literatur hier ausbildete, war geradezu prdesti-niert, Grenzerfahrungen der Moderne wie Entfremdung und Vereinsamung er-fahrbar zu machen. Der heute vergessene expressionistische Dichter Paul Kornfeld, Schulkamerad von Franz Werfel, bezeichnete denn auch diese Stadt treffend als metaphysisches Irrenhaus. Man spricht in diesem Kontext gern vom magischen Prag, in dem sich das Physische mit dem Metaphysischen mischt, da diese Stadt wie Franz Werfel bemerkte keine Realitt habe. Von den vielen Prager Schriftstellern des frhen 20. Jahrhunderts (ich erinnere an Max Brod, Paul Kornfeld, Gustav Meyrink, Hermann Ungar, Johannes Urzi-dil und Ernst Weiss), die den geheimnisvollen Mystizismus (J. Adler) dieser Stadt in sich aufsogen und verarbeitetet haben, war Franz Kafka wohl der Be-kannteste und Radikalste. Kein anderer Schriftsteller hat die Ambivalenz von Gefangensein und Flchtenwollen, von Hass und Liebe zu dieser Stadt so in-tensiv durchlitten wie er. In einem Brief schreibt Kafka: Prag lsst nicht los. Dieses Mtterchen hat Krallen. Da muss man sich fgen oder . An zwei Stel-len mssten wir es anznden, [] dann wre es mglich, dass wir loskommen. Mit dieser Aussage wird zugleich mein eigener Standort bestimmt. Mich lsst das eine so wenig los wie das andere: die Stadt Prag und die Phantastische Literatur. Um Kafka freilich werde ich dabei einen groen Bogen machen. Ich mchte Sie vielmehr mit meinem kleinen Ausflug in die Welt der Phantastik und SF anregen, in Ihren unterrichtlichen Blickwinkel auch andere Autoren und an-dere Gattungen dieser Genres einzubeziehen. Dazu werde ich versuchen, in fnf kleinen Kapiteln Ihnen Anregungen fr den Einsatz Phantastischer Litera-tur und SF im Deutschunterricht zu vermitteln. Abschnitt A Leseerzeihung im Deutschunterricht oder: Weshalb und zu welchem Ende beschftigen wir uns mit Phantastischer Literatur und SF? Auf die Frage, weshalb wir im Deutschunterricht der Mittel- und Oberstufe und auf diese beiden Stufen beziehe ich mich im Folgenden , weshalb wir hier also Texte aus den Genres des Phantastischen und der SF lesen und unter-richtlich behandeln sollen, gibt es wenigstens zwei extreme Positionen fr eine Antwort. 1 Der nachfolgende Beitrag basiert auf einem Vortrag, der anlsslich der Jahrestagung der Deutsch-Seminarlehrer an

    bayerischen Gymnasien bei ihrer Tschechien-Exkursion 1996 in Prag gehalten wurde.

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    Position 1: Weil diese Texte im Lehrplan stehen so etwa als eigener Bereich (betitelt: Unheimliches und Phantastisches) in Jgst. 8 mit Texten von Chamis-so, Ende, Gogol, E.T.A. Hoffmann, Puschkin und Storm; mit einzelnen Vertre-tern in Jgst. 9 fr die SF unter der Rubrik Technik, Fortschritt, Utopie und Ver-antwortung (etwa Bradbury, Drrenmatt, Huxley und Orwell). Und so geht das weiter in Jgst. 10. In der Oberstufe, wo, bis auf wenige Ausnahmen, keine Titel mehr genannt werden, knnen die Zuordnungen zu den entsprechenden Auto-ren selbst vorgenommen werden. Position 2: Weil es uns Lehrern Spa macht. Ich setze diese zweite Begrn-dung, warum wir diese Textsorten lesen sollten, bewusst so apodiktisch und ohne weitere Explikation hier an, weil ich sie schlichtweg fr so legitim erachte, dass sie keiner formalen Begrndung bedarf. Ich habe betont, dass es sich bei dieser ersten Annherung natrlich um Ex-trempositionen handelt. Die Wahrheit liegt selbstredend in der Mitte und wird nach heutigem Verstndnis von Literaturunterricht wie Sie es in der fachdi-daktischen Diskussion ebenso finden wie in den Rahmenvorgaben des bayeri-schen Lehrplans mit dem Schlagwort Leseerziehung oder Lesefrderung be-nannt. Ich mchte Sie nun mit vier Zitaten konfrontieren und danach in drei Thesen begrnden, warum mir die Genres Phantastik und SF besonders prdestiniert fr Leseerziehung/Lesefrderung erscheinen. 1. Zitat Thomas a Kempis: In allem habe ich Ruhe gesucht und habe sie nir-

    gends gefunden, auer in einer Ecke mit einem Buch. 2. Zitat W.H. Fritz: Die beste Anregung ist die Lese-Leidenschaft des Lehrers,

    wenn er sie suggestiv weiterreichen kann. 3. Zitat Gnter Grass: Die Konzentrationsschwche, die wir bei den Schlern

    beklagen, ist gegeben bei den Lehrern. Sie sind nicht in der Lage, mit sich und einem Buch allein zu sein.

    4. Zitat Arno Schmidt: Es gibt keine Seligkeit ohne Bcher. Meine Thesen, warum die genannten Genres ein besonders geeignetes Ve-hikel zur Lesefrderung darstellen, haben natrlich einen spezifischen literatur-theoretischen und literaturdidaktischen Hintergrund, den ich Ihnen jeweils nicht verschweigen will. Von allen interpretationsrelevanten Theoremen halte ich bei aller Legitimitt anderer Zugnge die Zugehensweisen des Strukturalis-mus und des Konstruktivismus fr die berzeugendsten. Ich denke da z. B. an die knappe Definition von Lotman, nach der Literatur ein sekundres, mod-ellbildendes System2 sei. Mit der Bestimmung des literaturdidaktischen Ortes tue ich mir da schon schwerer.

    2 Die Kunst ist ein sekundres, modellbildendes System. J. M. Lotman, Die Struktur literarischer Texte, Mnchen

    1972 (=UTB 103), S. 22

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    Ganz pauschal knnte man annherungsweise mit Klose formulieren, es geht im Rahmen eines gymnasialen Bildungsauftrags um das Prinzip des Pluralis-mus von Thesen, Meinungen und Methoden und damit auch um immer-whrende Problembetroffenheit gegenber Lsungen. Nun zu den drei Anstzen, warum Leseerziehung gerade mit diesen Genres sinnvoll sein kann. Ansatz 1: Phantasik und SF sind geradezu klassische Modellflle fr Ganz-schriftenlektre. Sind doch in diesen beiden Genres die Prinzipien der knst-lerischen Schpfungs- und Einbildungskraft ganz vorzglich ausgeprgt. D. h. sowohl in Bezug auf den Plot der Geschichte als auch in Bezug auf die Ver-mittlungsform des Erzhlens wird den Schlern das spezifisch Literarische oder Poetische also der Charakter der Erfindung besonders gut ver-stndlich zu machen sein. Ansatz 2: Die Behandlung phantastischer Literatur und SF im Deutschunter-richt erffnet eine Vielzahl fachbezogener und fcherbergreifender Ver-netzungsmglichkeiten. So gibt es etwa um nur einen Bereich herauszu-greifen zu dem Komplex Phantastik/SF einen breiten theoretischen Unter- oder berbau, der sich hervorragend unterrichtlich aufbereiten lsst. Und noch ein Hinweis zu den fcherbergreifenden Mglichkeiten. Im Kontaktbrief 1994 habe ich am Beispiel von Leo Perutz Roman St. Petri-Schnee einmal die viel-fltigen inhaltlichen Bezugspunkte zu anderen Fchern zusammengestellt. Wenn Sie sich erinnern: Es konnten Bezge hergestellt werden zu den Fchern: Geschichte, Sozialkunde, Biologie, Chemie, Ethik und Religionslehre!

    Ansatz 3: Phantastische Literatur und SF sind ausgesprochene Mediengen-res. Schul- wie Freizeitlektre stehen heute bei unseren Schlern in einem enormen Konkurrenzverhltnis zur Medienrezeption. Eine zentrale Aufgabe ist daher die Medienerziehung, die ich in ihrem Kern als Werteerziehung bestim-men wrde. Ich kann natrlich dieses weite Feld Medienerziehung im Rah-men dieses Referats hier nur andeuten und Sie auf andere Verffentlichungen verweisen: etwa die vom Bayerischen Staatsministerium fr Unterricht und Kul-tus herausgegebene Reihe Medienzeit, von der inzwischen eine ganz er- kleckliche Zahl an Heften erschienen ist. An meinen spteren Beispielen zu Texten von Gustav Meyrink, Stanislaw Lem und Wolfgang Jeschke kann al-lerdings in Anstzen dieses wichtige Feld auch inhaltlich besetzt werden. Abschnitt B Ein berblick zum Textkorpus oder: Von Doppelgngern, Maschinen- menschen und anderen gespaltenen Identitten Bevor wir uns berblickshaft einzelnen ausgewhlten Texten zuwenden, mag es sinnvoll erscheinen, das Phnomen Phantastische Literatur zu systematis-ieren.

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    Unter den Sammelbegriff des Phantastisches Erzhlens lassen sich mindes-tens vier Untergattungen subsummieren: Utopie, Mrchen, Science Fiction und Gespenstergeschichte. Ich habe Ihnen die zentralen Merkmale dieser verwand-ten Formen phantastischen Erzhlens stichpunktartig zusammengefasst (s. Schautafel Literarische Gattungen phantastischen Erzhlens). In zwei weiteren berblicksdarstellungen habe ich Ihnen einmal historisch gegliedert, einmal gattungspoetisch aufgeteilt Beispiele aus dem schier uner-schpflichen Spektrum dieses Genres aufgelistet. Wenn ich Ihnen im Folgenden vier Texte nher vorstelle, dann whle ich gleich in mehrfacher Hinsicht aus: unter genrespezifischen Gesischtspunkten ich beschrnke mich auf

    Phantastik und SF (Mrchen und Utopie bleiben unbercksichtigt); unter thematischen oder motivbezogenen Gesichtspunkten ich beziehe

    mich ausschlielich auf Texte, in denen es um die Identittsproblematik in unterschiedlichen Spielarten geht;

    unter gattungsspezifischen Gesichtspunkten ich greife aus der Vielzahl

    an Mglichkeiten auf zwei klassische Formen zurck, die auch fr den Unterricht gut einsetzbar sind, nmlich Roman und Hrspiel (unbercksi-chtigt: Erzhlung, Film und Drama);

    und schlielich unter didaktischen Gesichtspunkten ich achte in meinen

    Vorschlgen auf die unterrichtspraktische Umsetzbarkeit, einschlielich Mediennutzung und fcherbergreifendem Arbeiten.

    Die Texte sind: Alfred Kubin: Die andere Seite; erschienen 1909 im Georg Mller Verlag

    Mnchen Gustav Meyrink: Der Golem; erschienen 1915 bei Hugo Wolff in Leipzig,

    mit den noch heute berhmten Zeichnungen von

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