Mehr Sozialprodukt mit weniger Energie: Es gibt nichts umsonst!

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  • 2 ZfE Zeitschrift fr Energiewirtschaft 01 | 2008

    Knut Kbler

    Ausgangslage

    Die Bundesregierung hat beim Energie-gipfel am . Juli 2007 ihre energiewirt-schaftlichen Planungen fr die nchsten Jahre dargelegt und diese Planungen mit einer Flle von quantitativen Zielen konkretisiert. Drei dieser Ziele sind fr die folgenden berlegungen wichtig:

    Die Bundesregierung strebt einen Zu-wachs des realen Bruttoinlandsprodukts

    MehrSozialproduktmitwenigerEnergie:Esgibtnichtsumsonst!

    Kontakt

    Dr.KnutKbler

    Bundesministerium fr Wirtschaft und TechnologieScharnhorststr. 34 3705 BerlinEmail knut.kuebler@bmwi.bund.de

    (BIP) von 200 bis 2020 in Hhe von ,7 % p. a. an. Das ist eine politische Setzung, die fr die Entwicklung des Arbeitsmarktes in Deutschland von zentraler Bedeutung ist. Dieser Zuwachs bildet nmlich die rech-nerische Voraussetzung fr den weiteren Abbau der Arbeitslosigkeit. Eine Wachs-tumsvorgabe fr das Bruttoinlandspro-dukt unterhalb dieses Wertes liefe Gefahr, die absehbare Verbesserung der Arbeits-produktivitt zu unterschreiten und wr-

    de damit die heute so stark beschworene Perspektive der Hoffnung auf dem Ar-beitsmarkt sofort zunichte machen. Eine Wachstumsvorgabe der Politik fr das re-ale Sozialprodukt unter ,7 % p. a. wre allein aus dieser Sicht kaum prsenta- kaum prsenta- kaum prsenta-bel.

    Gleichzeitig plant die Bundesregie-rung, den spezifischen Primrenergiever-brauch das ist der Primrenergieeinsatz, das ist der Primrenergieeinsatz, das ist der Primrenergieeinsatz, der ntig ist, um eine Einheit Brutto- inlandsprodukt zu erzeugen von 200 von 200 von 200 bis 2020 um rd. % p. a. zu vermindern. Man muss wissen, dass diese Vorgabe weit auerhalb der historischen Erfah-rungen liegt. In der Geschichte der Bun-desrepublik hat man niemals eine so star-ke Verbesserung der Energieproduktivitt ber einen lngeren Zeitraum beobachten knnen. Konzentriert man den Blick auf die aktuelle Entwicklung, wird die Auf-gabe, die sich die Politik gestellt hat, noch deutlicher. Seit 0 hat es in Deutschland keine -Jahresperiode gegeben, in der es gelungen ist, den spezifischen Primren-ergieverbrauch ber einen Durchschnitts-wert von , % p. a. hinaus zu senken. Die , %-Marke bildet einen benchmark, an dem man das aktuelle politische Ziel von % messen kann. Wichtig ist in die-sem Zusammenhang auch der Hinweis, dass sich der Prozess der Verringerung des spezifischen Primrenergieverbrauchs in den letzten Jahren verlangsamt hat. Das entspricht den Erwartungen, denn bei den sehr hohen Energieeffizienzstandards

    UMWELTPOLITIK

    Abstract

    Wirtschaftliches Wachstum sichert Wohlstand und Beschftigung. Zur gleichen Zeit will Deutschland - im Interesse des Klimaschutzes den Energieverbrauch deutlich reduzieren. Die Vorgaben der Bundesregierung sehen vor, das reale Bruttoinlandsprodukt von 2006 bis 2020 um 26 % zu erhhen und den Primr-energieverbrauch in der gleichen Zeit um 7 % zu vermindern. Langfristiges wirtschaftliches Wachstum bei sinkendem Energieeinsatz ist mglich, impliziert aber notwendigerweise Vernderungen, Strukturwandel, Investitionen und da-mit zunchst Kosten. In Beispielrechnungen kann man zeigen, dass die von der Bundesregierung angestrebte Hyper-Entkopplung von Wachstum und Ener-gieverbrauch auf einen Anstieg der im Zusammenhang mit dem Energiever-brauch entstehenden gesamtwirtschaftlichen Ausgaben von 2006 bis 2020 um mehr als 60 % (optimistische Variante) bzw. 50 % (weniger optimistische Va-riante) hinauslaufen. Der beschleunigte Einsatz moderner Energietechnologien kann helfen, die zum Schutz der Erdatmosphre gewnschte Entwicklung in Gang zu setzen und gleichzeitig die daraus resultierenden Belastungen fr die Verbraucher zu begrenzen. Dabei spielt die verstrkte Frderung von Forschung und Entwicklung moderner Technologien eine wichtige Rolle.

    Economic growth guarantees prosperity and employment. In the interest ofment. In the interest of climate protection Germany is also aiming to significantly reduce its energy consumption. The Federal Government is committed to increase the real gross domestic product by 26 % between 2006 and 2020 and to reduce primary en-ergy consumption in the same period by 7 %. Although long-term economic growth is possible with falling energy consumption, it does imply changes: struc-tural changes and investments, which will initially require funding. In a simple model, it can be shown that the governments hyper-decoupling of economic growth from energy demand will lead to an increase in the overall expenditure resulting from energy consumption between 2006 and 2020 of more than 60 % (the optimistic scenario) or 50 % (the less optimistic scenario). The accelerated use of modern energy technologies can help to set in motion the desired proc-ess to protect the environment and, at the same time, limit the resulting burden on the consumer. Here the intensified support of research and development of modern technologies will play an important role.

  • ZfE Zeitschrift fr Energiewirtschaft 01 | 2008

    in Deutschland wird es natrlich immer schwieriger, weitere Effizienzgewinne zu realisieren.

    Nach den Vorstellungen der Bundesre-gierung soll der Primrenergieverbrauch 2020 in Deutschland einen Wert von 2.02 PJ nicht berschreiten. Der maxi-mal zulssige Energieverbrauchswert folgt rechnerisch aus der Vorgabe des fr 2020 angestrebten Bruttoinlandsproduktes und der geplanten Verminderung des spezi-fischen Primrenergieverbrauchs. Diese Vorgabe ist mit Blick auf die Verpflich-tung Deutschlands zum Schutz der Erd-atmosphre plausibel und bildet auch eine wichtige Voraussetzung zur Errei-chung des von der Bundesregierung an-gestrebten Anteils der erneuerbaren Ener-gien an der Primrenergiebedarfsdeckung in 2020; denn je mehr es gelingt, den Pri-mrenergieverbrauch zurckzufahren, um so leichter wird man hohe Anteilsst-ze fr die erneuerbaren Energien erzielen knnen.

    Es liegt auf der Hand, dass die Umset-zung der Vorgaben der Bundesregierung auf einen gewaltigen Umstrukturierungs-prozess hinaus luft. Er wird zwangslufig mit Kosten verbunden sein. So wie man den Schatten eines Baumes nicht durch gutes Zureden weglocken kann, wird man auch nicht die Kostenwirkungen einer so drastischen Energieeinsparpolitik ver-drngen knnen.

    Diese Einsicht ist unter konomen un-strittig. Interessant ist doch nur die Frage: Wie hoch werden die Kosten als Folge der politisch angestrebten Entwicklung stei-gen? Darber wird wenig gesprochen. An-gesichts der hohen Komplexitt des Sach-verhaltes sind Aussagen dazu auch schwer. Um die Kosteneffekte der von der Bundes-regierung getroffenen Beschlsse abscht-zen zu knnen, msste man ein sektoral tief disaggregiertes Modell der Bundes-republik Deutschland einsetzen, in dem auch die Wechselwirkungen zwischen Energiewirtschaft und Gesamtwirtschaft abgebildet werden knnen.

    Allerdings kann man auch auf der Basis eines stark vereinfachten produktionsthe-oretischen Modells eine erste vorsichtige Abschtzung machen. Das soll im Fol-genden demonstriert werden.

    TheoretischeGrundlagen

    Aus der makrokonomischen Produkti-onstheorie kann man die folgende Funk-tion fr die Wachstumsrate des Primr-energieverbrauchs ableiten:

    WPEV=WBIP+ W WWEPR

    Dabei gilt:WPEV : Wachstumsrate des Primrener-

    gieverbrauchs (PEV)WBIP : Wachstumsrate des realen Brutto-

    inlandsprodukts (BIP)WEPR : Wachstumsrate des realen Ener-

    giepreisniveaus (ERP) : Wachstumselastizitt der Energie-

    nachfrage

    : Preiselastizitt der Energienach- : Preiselastizitt der Energienach-frage.

    Diese Gleichung erklrt die Vernderung des Primrenergieeinsatzes aus den Ver-nderungen des realen Bruttoinlandspro-dukts und den Energiepreisnderungen. Eine hhere Produktion von Gtern und Dienstleistungen, d. h. ein hheres Brutto-inlandsprodukt, wirkt in Richtung eines hheren Primrenergiebedarfs. Hhere Energiepreise wirken dagegen dmpfend auf die Primrenergienachfrage. Dabei spielen strukturelle Vernderungen und Substitutionsprozesse eine Rolle, bei de-nen die verteuerte Energie durch ande-re Produktionsfaktoren (Kapital oder Ar-beit) ersetzt wird.

    Von zentraler Bedeutung sind die bei-den Elastizittsparameter:

    Die Wachstumselastizitt gibt an, um gibt an, um gibt an, um wie viel % sich die Energienachfrage bei bei bei konstanten Energiepreisen verndert, verndert, verndert, wenn sich das reale Bruttoinlandsprodukt um % verndert.

    Tab.1|PolitischeVorgaben

    Kennziffern Ist 20062006 Planung 2020 Vernderung 2006/2020

    Reales Bruttoinlandsprodukt (Mrd. 2000) 2.196 2.775 + 579 (+ 26 %)Primrenergieverbrauch (PJ) 14.464 12.028 2.436 ( 17 %)Spezifischer Primrenergieverbrauch (GJ/1.000 2000) 6,59 4,33 2,26 ( 34 %)

    Quelle: Energiegipfel, Bericht der AG 3, S. 27; Hinweis: Aktuelle Daten weisen fr das BIP in 2006 einen Wert von 2.87 Mrd. 2000 aus.

    Abb.1|WirtschaftlichesWachstumundPrimrenergieverbrauchinDeutschland(1990=100)

    UMWELTPOLITIK

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    Die Preiselastizitt gibt an, um wie gibt an, um wie gibt an, um wie viel % sich die Energienachfrage bei konstantem Bruttoinlandsprodukt ver- ver- ver-ndert, wenn sich das gesamtwirtschaft-liche Energiepreisniveau um % vern-dert.

    Solange die Struktur des Bruttoinlands-produktes gleich bleibt, d. h. solange sich vor allem die Beitrge der energieinten-siven und weniger energieintensiven Pro-duktionszweige nicht wesentlich verschie-ben, liegt die Wachstumselastizitt in der Nhe von . Durch besseres Wissen, or-ganisatorische Vernderungen und tech-nischen Fortschritt kann die Wachstums-

    elastizitt reduziert werden. Eine Redu-zierung der Wachstumselastizitt ist auch mglich, wenn man Einsparungen reali-siert, die keine oder geringe Wirkungen auf die gesamtwirtschaftliche Produktion haben. Wir wissen, dass solche Potenziale existieren. Theoretisch kann die Wachs-tumselastizitt sogar weit unter liegen, aber auf lange Sicht niemals Null oder ne-gativ werden. Das wrde ja bedeuten, man knnte immer mehr Gter und Dienstleis-tungen mit immer weniger Energie pro-duzieren, mit dem Ergebnis, am Ende ei-ne unendliche Menge von Sozialprodukt gnzlich ohne Energie zu erzeugen. Das ist offensichtlich unmglich.

    Die langfristige Preiselastizitt der Ener-gienachfrage ist negativ, d. h. hhere Ener-giepreise mindern die Energienachfrage. Wir wissen auch, dass die Energiepreis-elastizitt im absoluten Betrag relativ klein ist. Das liegt an der Bindung der En-ergienachfrage an Technologien, die man nicht von heute auf morgen verndern oder austauschen kann. Jeder Autofah-rer kann beurteilen, wie stark und dauer-haft er (oder die anderen Fahrer) auf Preis-nderungen an der Tankstelle reagieren. Gesamtwirtschaftlich ist jedenfalls gut belegt, dass selbst krftige Preisausschl-ge nach oben in nur relativ bescheidenem Umfang Fahrverhalten und Kraftstoffver-brauch beeinflussen.

    Die gleiche Argumentation gilt auch fr die Energienachfrage im Wrmemarkt oder auch fr die Energienachfrage der Industrie. Die Energienachfrage kann sich immer nur sehr langfristig auf Ver-nderungen der Energiepreise neu aus-richten. So kann man etwa bei Kraftfahr-zeugen mit einer durchschnittlichen Lebensdauer von Jahren davon ausge-hen, dass sich ber diese Zeit ein hherer Effizienzstandard durchsetzen kann. Bei Wohngebuden mit einer Nutzungsdau-er von 00 Jahren braucht man dafr we-sentlich lnger. Das macht verstndlich: Je lnger der Beobachtungsraum, umso hher wird man die Preiselastizitt der Energienachfrage ansetzen knnen. Die-se Analyse basiert auf einem Zeitraum von Jahren, was in energiewirtschaftlichen Kategorien als kurzfristig eingestuft wer-den muss und daher eine eher geringe Preiselastizitt plausibel macht.

    Noch ein Hinweis ist in diesem Zusam-menhang wichtig: Die Reaktionsmg-lichkeiten werden mit steigendem Effi-zienzstandard immer enger begrenzt. So hat etwa der Besitzer eines Niedrig-energiehauses mit geringem Energiever-brauch keine bzw. nur noch sehr kostspie-lige Mglichkeiten, auf einen Anstieg der l- oder Gaspreise zu reagieren. In diesen Fllen, die heute noch eher selten sind, in Zukunft aber die Regel werden und wer-den sollen, wird man eine sehr kleine Preiselastizitt annehmen mssen. Aller-dings kann die Preiselastizitt der Ener-gienachfrage, so klein sie dem absoluten Betrag auch angenommen wird, niemals Null werden, denn das wrde ja bedeuten, dass die Energiepreise ins Unendliche stei-gen knnen, ohne die Energienachfrage zu berhren. Eine solche Hypothese ist un-realistisch.

    Abb.2|GesamtwirtschaftlichesEnergiepreisniveauinDeutschland(2000=100)

    Abb.3|RealegesamtwirtschaftlichesEnergieausgaben(Mrd.2000)

    UMWELTPOLITIK

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    Modellanalyse

    Mit Blick auf unsere Fragestellung bietet es sich nun an, die oben genannte Defini-tionsgleichung wie folgt umzuformen:

    WPEV WBIPWEPR=___________________

    wobei 0 und 0 0 und 0 0 und 0 0 0

    Damit wird es mglich, eine Antwort auf die folgende Frage zu geben: Wie hoch msste das reale gesamtwirtschaftliche Energiepreisniveau (WEPR) steigen, da-mit die politischen Vorgaben der Bundes-regierung fr das wirtschaftliche Wachs-tum (WBIP) und die energiewirtschaftliche Entwicklung (WPEV) bis 2020 erreicht wer-den? Um dieser Fragestellung mehr An-schaulichkeit zu geben, bietet sich die Vorstellung an, dass der Staat durch h-here Steuern und Abgaben genau dieses notwendige Energiepreisniveau ansteu-ert (denkbar wre auch ein autonomer Anstieg der l-, Gas- und Kohleimport-preise, der allerdings wegen der damit verbundenen Kaufkraftverluste im In-land mit Sondereffekten verbunden w-re, auf die wir an dieser Stelle nicht ein-gehen knnen).

    Nun denkt zurzeit niemand in Deutsch-land an hhere Steuern und Abgaben auf Energie. Im Gegenteil, die Planungen der Bundesregierung stellen eher Gebote und Verbote in den Mittelpunkt. Insofern scheint diese Fragestellung auf den ersten Blick nachrangig. Die Antwort kann aber trotzdem eine sinnvolle Orientierung ge-ben, wenn man sich folgendes klar macht. Auch Gebote und Verbote fhren zu Belas-tungen. Das liegt an der Dualitt des Kos-ten- und Preissystems. Gebote und Ver-bote erzwingen Investitionen und in deren Folge zustzliche Kosten, die Zug um Zug im gesamtwirtschaftlichen Kreislauf auf die Endverbraucher berwlzt werden. Und da wir wissen, dass Steuer- und Ab-gabensysteme gesamtwirtschaftlich effi-zienter zu steuern vermgen als das Ord-nungsrecht, fhrt eine Politik mit Geboten und Verboten zwangslufig zu hheren Belastungen, als eine Lenkung durch Steu-ern und Abgaben. Insofern kann man sa-gen, dass eine Modellanalyse in der oben entwickelten Form eine grobe Vorstellung von den Auswirkungen geben kann, und zwar im Sinne einer Art Untergrenze fr die finanziellen Belastungen, die dem Ver-braucher in Deutschland durch die ord-

    nungsrechtlichen Regelungen der Bundes-regierung auferlegt werden.

    Das sich aus dem Modell als notwendig ergebende (hhere) Energiepreisniveau und der fr 2020 vorgegebene (niedrigere) Energieverbrauch fhren als Saldo zum zentralen Ergebnis der Untersu...

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