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    Jean-Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag oder Die Grundstze des Staatsrechtes (Du contrat social ou Principes du droit politique) Foederis aequas Dicamus leges Virg. Aen. lib. XI. V. 321 Vorrede Diese kleine Abhandlung ist einem greren Werke entnommen, welches ich einst ohne Rcksicht darauf, ob meine Krfte dazu ausreichen wrden, begonnen und schon lngst hatte liegen lassen. Von verschiedenen Auszgen aus dem vollendeten Teile dieser Arbeit ist vorliegender der wichtigste und scheint mir am wenigsten unwert, dem Lesepublikum vorgelegt zu werden. Der Rest ist bereits ver-nichtet. Erstes Buch Ich beabsichtige zu untersuchen, ob es in der brgerlichen Verfassung irgendeinen gerechten und si-cheren Grundsatz der Verwaltung geben kann, wenn man die Menschen nimmt, wie sie sind, und die Gesetze, wie sie sein knnen. Bei dieser Untersuchung werde ich mich bemhen, stets das, was das Recht zult, mit dem zu vereinen, was das allgemeine Beste vorschreibt, damit Gerechtigkeit und Nutzen nicht getrennt werden. Ich dringe in die Materie ein, ohne erst die Wichtigkeit meines Gegenstandes zu beweisen. Man wird mich fragen, ob ich Frst oder Gesetzgeber sei, um berechtigt zu sein, ber Politik zu schreiben. Ich antworte nein und schreibe gerade deshalb ber Politik. Wre ich Frst oder Gesetzgeber, so wrde ich nicht meine Zeit damit vergeuden, zu sagen, was man tun mu; ich wrde es tun oder schweigen. Einen wie geringen Einflu auch die Stimme eines einfachen Brgers, wie ich bin, der in einem freien Staate geboren ist und durch das allgemeine Stimmrecht Anteil an der Staatsgewalt hat, auf die ffent-lichen Angelegenheiten haben mag, so gengt doch schon das bloe Recht, darber abzustimmen, um mir die Pflicht aufzulegen, mich ber sie zu unterrichten. So oft ich ber die Regierungen nachdenke, fhle ich mich glcklich, da ich in meinen Forschungen stets neue Grnde finde, die Verwaltung meines Vaterlandes zu lieben. 1. Kapitel Inhalt des ersten Buches Der Mensch wird frei geboren, und berall ist er in Banden. Mancher hlt sich fr den Herrn seiner Mitmenschen und ist trotzdem mehr Sklave als sie. Wie hat sich diese Umwandlung zugetragen? Ich wei es nicht. Was kann ihr Rechtmigkeit verleihen? Diese Frage glaube ich beantworten zu kn-nen. Wrde ich nur auf die Gewalt und die Wirkungen, die sie hervorbringt, Rcksicht nehmen, so wrde ich sagen: solange ein Volk gezwungen wird zu gehorchen, so tut es wohl, wenn es gehorcht; sobald es sein Joch abzuschtteln imstande ist, so tut es noch besser, wenn es dasselbe von sich wirft, denn sobald es seine Freiheit durch dasselbe Recht wiedererlangt, das sie ihm geraubt hat, so ist es entweder befugt, sie wieder zurckzunehmen, oder man hat sie ihm unbefugterweise entrissen. Allein die gesell-schaftliche Ordnung ist ein geheiligtes Recht, das die Grundlage aller brigen bildet. Dieses Recht entspringt jedoch keineswegs aus der Natur; es beruht folglich auf Vertrgen. Deshalb kommt es dar-auf an, die Beschaffenheit dieser Vertrge kennenzulernen. Ehe ich dazu komme, ist es meine Pflicht, die eben aufgestellten Behauptungen zu begrnden. 2. Kapitel Erste gesellschaftliche Vereinigungen

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    Die lteste und einzig natrliche Form aller Gesellschaften ist die Familie; obgleich die Kinder nur solange mit dem Vater verbunden bleiben, wie sie seiner zu ihrer Erhaltung bedrfen. Sobald dieses Bedrfnis aufhrt, lst sich das natrliche Band. Von dem Gehorsam befreit, den die Kinder dem Va-ter schuldig sind, und der Sorgfalt berhoben, zu der der Vater den Kindern gegenber verpflichtet ist, kehren alle in gleicher Weise zur Unabhngigkeit zurck. Bleiben sie weiter in Verbindung, so ist das kein natrlicher Zustand mehr, sondern ein freiwilliges bereinkommen; die Familie an sich hat nur durch bereinkunft Bestand. Diese gemeinsame Freiheit ist eine Folge der Natur des Menschen. Sein erstes Gesetz mu es sein, ber seine eigene Erhaltung zu wachen; seine Hauptsorgen sind die, die er sich selbst schuldig ist, und sobald er zu dem Alter der Vernunft gekommen, ist er allein Richter ber die zu seiner Erhaltung ge-eigneten Mittel und wird dadurch sein eigener Herr. Demnach ist die Familie, wenn man will, das erste Muster der politischen Gesellschaften. Der Herr-scher ist das Abbild des Vaters, das Volk ist das Abbild der Kinder, und da alle gleich und frei gebo-ren sind, veruern sie ihre Freiheit nur um ihres Nutzens willen. Der ganze Unterschied besteht darin, da in der Familie die Vaterliebe die Sorgenlast vergilt, die ihm die Kinder auferlegen, whrend im Staate die Luft zu befehlen die Liebe ersetzt, die der Herrscher fr sein Volk nicht empfindet. Grotius leugnet, da jede menschliche Regierung zugunsten der Regierten eingesetzt sei: zum Beweise beruft er sich auf die Sklaverei. In seiner bekannten Schluweise begrndet er das Recht auf die Aus-bung desselben. Man wrde wohl eine folgerichtigere Lehre aufstellen knnen, aber keine, die den Gewaltherrschern gnstiger wre. Nach Grotius ist es demnach zweifelhaft, ob das Menschengeschlecht etwa hundert einzelnen Men-schen als Eigentum gehrt, oder ob diese hundert dem Menschengeschlechte angehren, und in sei-nem ganzen Werke scheint er sich zu der ersten Ansicht hinzuneigen. Dies ist auch die Meinung von Hobbes. So ist also das menschliche Geschlecht wie Vieh in Herden abgeteilt, deren jede ihr Ober-haupt hat, das sie beschtzt, um sie zu verschlingen. Wie ein Hirt von einer hheren Natur ist als seine Herde, so berragen auch die Hirten der Menschen, die Herrscher und ebenfalls einer hheren Macht teilhaftig sind, ihre Vlker. So schlo, wie Philo berichtet, der Kaiser Kaligula, indem er nach dieser Analogie ziemlich richtig folgerte, da die Knige Gtter oder die Vlker Tiere wren. Diese Schlufolgerung Kaligulas stimmt mit den von Hobbes und Grotius aufgestellten Lehren voll-kommen berein. Schon von ihnen allen hatte Aristoteles ebenfalls behauptet, da die Menschen von Natur keineswegs gleich wren, sondern die einen zur Sklaverei und die anderen zur Herrschaft gebo-ren wrden. Aristoteles hatte recht, aber er hielt die Wirkung fr die Ursache. Jeder in der Sklaverei geborene Mensch wird fr die Sklaverei geboren; nichts ist gewisser. Die Sklaven verlieren in ihren Fesseln alles, sogar den Wunsch, sie abzuwerfen, sie lieben ihre Knechtschaft, wie die Gefhrten des Odysseus ihren tierischen Zustand nach ihrer Verwandlung liebten. Wenn es also Sklaven von Natur gibt, so liegt der Grund darin, da es schon vorher Sklaven wider die Natur gegeben hat. Die Gewalt hat die ersten Sklaven gemacht; ihre Feigheit hat sie bestndig erhalten. Ich habe nichts vom Knige Adam noch vom Kaiser Noah, dem Vater der drei groen Monarchen gesagt, die gleich den Kindern des Saturn, die man in ihnen hat wiedererkennen wollen, die Welt unter sich teilten. Ich hoffe, da man mir fr dieses Mahalten dankbar sein wird; denn da ich von einem dieser Frsten und vielleicht von dem ltesten Zweige in gerader Linie abstamme, so kann ich ja nicht wissen, ob ich mich nicht durch den Nachweis der Richtigkeit meiner Rechtsansprche als das recht-mige Oberhaupt des menschlichen Geschlechtes enthllen wrde? Wie dem auch sein mge, so kann man doch nicht leugnen, da Adam Beherrscher der Welt gewesen ist, wie Robinson Beherrscher seiner Insel, solange er ihr einziger Bewohner war, und das Angenehmste bei dieser Herrschaft lag darin, da der Monarch auf seinem Throne sicher war und weder Aufstand, noch Kriege, noch Emp-rer zu frchten hatte. 3. Kapitel Recht des Strkeren Der Strkste ist nie stark genug, um immerdar Herr zu bleiben, wenn er seine Strke nicht in Recht und den Gehorsam nicht in Pflicht verwandelt. Daher entspringt das Recht des Strksten, ein Recht,

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    das scheinbar ironisch aufgefat und in der Tat doch als Prinzip anerkannt wird. Aber wird man uns dieses Wort denn nie erklren? Die Strke ist ein physisches Vermgen; ich begreife nicht, welche sittliche Verpflichtung aus ihren Wirkungen hervorgehen kann. Der Strke nachgeben ist eine Hand-lung der Notwendigkeit, nicht des Willens, hchstens eine Handlung der Klugheit. In welchem Sinne kann es eine Pflicht werden? Lassen wir dieses angebliche Recht einen Augenblick gelten. Nach meiner berzeugung ergibt sich daraus nur ein unlslicher Wirrwarr von Begriffen, denn sobald die Strke das Recht verleiht, so wird die Wirkung mit der Ursache verwechselt; jede Strke, welche die erste bersteigt, ist die Erbin ihres Rechtes. Sobald man ungestraft nicht gehorchen braucht, besitzt man das Recht dazu, und da der Strkste immer recht hat, handelt es sich nur darum, es so einzurichten, da man der Strkste ist. Was bedeutet nun aber ein Recht, das mit dem Aufhren der Strke ungltig wird? Mu man aus Zwang gehorchen, so braucht man nicht aus Pflicht zu gehorchen, und wird man nicht mehr zum Gehorchen gezwungen, so ist man dazu auch nicht mehr verpflichtet. Man sieht also, da das Wrtlein Recht der Strke nichts verleiht; es ist hier vollkommen bedeutungslos. Gehorchet den Gewalthabern! Wenn dies bedeuten soll: gebet der Strke, der Gewalt nach, so ist das Gebot gut, aber berflssig; ich brge dafr, da es nie bertreten werden wird. Ich gebe zu, da jede Gewalt von Gott kommt; aber auch jede Krankheit kommt von ihm; heit das etwa, deshalb sei es verboten, den Arzt zu rufen? Wenn mich ein Ruber im Waldesdickicht berfllt, so mu ich mich der Gewalt fgen und ihm meine Brse geben; verpflichtet mich aber wohl mein Gewissen, sie zu geben, wenn ich imstande wre, sie ihm vorzuenthalten? Die Pistole, die er mir vorhlt, ist ja am Ende doch immer eine Gewalt. Gestehen wir also, da Strke kein Recht gewhrt, und da man nur verpflichtet ist, der rechtmigen Gewalt Gehorsam zu leisten. So taucht meine erste Frage immer wieder von neuem auf. 4. Kapitel Sklaverei Da kein Mensch eine natrliche Gewalt ber seinesgleichen hat, und da die Strke kein Recht gewhrt, so bleiben also die Vertrge als die einzige Grundlage jeder rechtmigen Gewalt unter den Menschen brig? Wenn ein einzeln