Duett vs. Duell? Rezeption und Wirkung der TV-Duelle ?· Der Beitrag vergleicht die Rezeption und Wirkung…

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    Duett vs. Duell? Rezeption und Wirkung der TV-Duelle vor den Bundestagswahlen 2009

    und 2013 im Vergleich

    Marko Bachl

    Abstract:

    Der Beitrag vergleicht die Rezeption und Wirkung der TV-Duelle 2009 und 2013 vor dem

    Hintergrund der kommunikativen Positionierungen der KandidatInnen und ihrer Parteien im

    Wahlkampf. Whrend die wenig konfrontative Debatte zwischen den Kabinettskollegen

    Merkel und Steinmeier vor allem von politisch Interessierten verfolgt wurde, erzielte die

    Diskussion der Kanzlerin mit Oppositionsfhrer Steinmeier auch unter den politikferneren

    Brgerinnen und Brgern eine grere Reichweite. Auf die Bewertungen von Merkel und der

    CDU/CSU konnten weder 2009 noch 2013 Debatteneffekte festgestellt werden. Steinbrcks

    Auftritt war erfolgreicher als der Steinmeiers: Im Gegensatz zu seinem Vorgnger gelang es

    ihm, seine persnliche Bewertung und die Wahlentscheidung zugunsten der SPD positiv zu

    beeinflussen.

    Keywords:

    TV-Duell, Bundestagswahl, Wahlkampf, Debattenrezeption, Debattenwirkung, Panel-

    Analyse, German Longitudinal Election Study (GLES)

    1. Einleitung TV-Duelle zwischen den KanzlerkandidatInnen von CDU/CSU und SPD haben sich als fester

    Bestandteil der Bundestagswahlkmpfe etabliert. So stellten sich auch Bundeskanzlerin

    Angela Merkel (CDU) und ihre Herausforderer Frank-Walter Steinmeier bzw. Peer

    Steinbrck (SPD) vor den Bundestagswahlen 2009 und 2013 vor einem groen TV-Publikum

    den Fragen der Moderatorinnen und Moderatoren. Zugespitzt formuliert geht es im

    vorliegenden Beitrag um die Frage, ob diese beiden Debatten als Hhepunkte zweier relativ

    spannungsarmer Wahlkmpfe die hohen Erwartungen an das Format Kanzlerduell

    hinsichtlich des Publikumsinteresses und der Medienwirkungen erfllen konnten. Dazu

    werden die Rezeption und die Effekte der beiden TV-Duelle verglichen. Ausgangspunkt des

    Vergleichs sind berlegungen zu den prgnanten Gemeinsamkeiten und Unterschieden in den

    Ausgangslagen vor den jeweiligen TV-Duellen. Gemein hatten beide Wahlkmpfe, dass die

    populre Amtsinhaberin Merkel die klare Favoritin war, wieder zur Kanzlerin gewhlt zu

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    werden sei es an der Spitze einer Koalition mit der FDP (wie nach der Wahl 2009

    geschehen) oder durch eine Groe Koalition mit der SPD (wie nach der Wahl 2013

    geschehen). Diese Aussichten schlugen sich auch im Wahlkampfstil ihrer Partei und in ihrem

    Auftreten in den TV-Duellen nieder. Unterschiede bestanden dagegen in der Ausgangslage

    und der damit zu erwartenden kommunikativen Positionierung der SPD-Herausforderer.

    Beide SPD-Spitzenkandidaten waren whrend ihrer Wahlkmpfe Auenseiter im Wettbewerb

    um das Kanzleramt. Steinmeier konnte als Vize-Kanzler einer Groen Koalition jedoch nur

    begrenzt Kritik an der Kanzlerin ben. Dagegen agierte Steinbrck als Spitzenkandidat der

    grten Oppositionspartei (und in bereinstimmung mit seiner politischen Persnlichkeit)

    konfrontativer, wie es der Rolle eines klassischen Herausforderers entspricht (vgl.

    ausfhrlicher Abschnitt 1.2).

    In Anbetracht dieser Ausgangslagen ist zum einen von Interesse, ob sich das Publikum der

    Debatten in den Jahren 2009 und 2013 unterschiedlich zusammensetzte. Hier wird unter

    anderem danach gefragt, ob es dem nach dem Mastab der zu erwartenden Konfrontation

    spannenderen TV-Duell 2013 in strkerem Mae gelang, auch die weniger politisch

    Interessierten vor die Bildschirme zu locken. Zum anderen werden die Effekte der

    Debattenrezeption auf die Einstellungen zu den Spitzenkandidaten und ihren Parteien sowie

    auf das Wahlverhalten untersucht.

    Der Beitrag beginnt mit einem kurzen berblick ber die Bedeutung von TV-Duellen in

    Medienwahlkmpfen (Kap. 2). Anschlieend werden die Ausgangslagen vor den Debatten

    2009 und 2013 detaillierter beschrieben (Kap. 3). Auf die Darstellung der Datengrundlage des

    Beitrags (Kap. 4) folgt die empirische Analyse der Debattenrezeption und ihrer Effekte (Kap.

    5). Abschlieend werden die Befunde diskutiert (Kap. 6).

    2. Die Sonderrolle von TV-Duellen in Medienwahlkmpfen

    TV-Duelle der SpitzenkandidatInnen um das hchste Regierungsamt gehren in Demokratien

    weltweit zu den bedeutendsten Ereignissen des Medienwahlkampfs. Entsprechend

    umfangreich und vielfltig ist auch die empirische Forschung zu Inhalten, Rezeption und

    Wirkungen der Debatten (vgl. z.B. die berblicke von McKinney und Carlin 2004,

    Reinemann und Maurer 2008 oder Benoit 2013). Als wichtigster Grund fr die Relevanz der

    Debatten gilt die Gre ihres Publikums. So waren die Kanzlerduelle seit ihrer Einfhrung

    vor der Bundestagswahl jeweils die Medienereignisse mit der grten Reichweite. Zwischen

    14 und 21 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer verfolgten seitdem vor jeder

    Bundestagswahl die Diskussionen der KanzlerkandidatInnen (vgl. Zubayr und Gerhard 2002;

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    Zubayr et al. 2009; Geese et al. 2005; Gscheidle und Gerhard 2013). Doch nicht nur die

    schiere Gre, sondern auch die Zusammensetzung des Publikums ist bemerkenswert. Mit

    den TV-Duellen erreicht der Wahlkampf auch Brgerinnen und Brger, die sich ansonsten

    weniger fr Politik interessieren und die nur selten mit ihr in Kontakt kommen (vgl. z.B.

    Dehm 2002; Maier und Faas 2011). Damit nehmen TV-Duelle in einer durch Differenzierung

    und Fragmentierung geprgten medialen Umwelt eine Sonderrolle ein. Kaum ein anderes

    (politisches) Medienangebot erreicht heute noch ein derart groes und breit gestreutes

    Publikum (z.B. Schulz 2011, S. 20-41).

    Die Inhalte und die Prsentationsform der TV-Duelle sind fr das Publikum offenbar

    besonders attraktiv (vgl. u.a. McKinney und Carlin 2004; Maurer 2007; Bachl 2014, S. 22-

    36). Faas und Maier (2004) haben zur Beschreibung der Debatteninhalte die Analogie der

    Wahlkmpfe im Miniaturformat (S. 56) geprgt: In kurzer Zeit und im direkten Vergleich

    knnen sich die Zuschauer einen berblick ber zentrale politische Positionen und die

    Persnlichkeiten der SpitzenkandidatInnen verschaffen. Auch die Zuspitzung des

    Wahlkampfs auf eine Konfrontation zwischen den Anfhrern zweier gegenstzlicher Lager

    drfte dem Publikumsinteresse zutrglich sein. Gerade fr die weniger politisch Involvierten,

    die ein geringeres Interesse an den Feinheiten sachpolitischer Diskussionen haben, sollte die

    Aussicht auf eine konfliktreicheres Streitgesprch mit klaren Positionen motivierend wirken.

    Schlielich sind die TV-Debatten relevant, da sie das Potenzial besitzen, direkt oder indirekt

    mit der Wahlentscheidung verbundene Einstellungen, Kognitionen und Verhaltensabsichten

    zu beeinflussen (vgl. fr Systematisierungen z.B. Zhu et al. 1994; McKinney und Carlin

    2004; Reinemann und Maurer 2008; fr eine Meta-Analyse von 33 Wirkungsstudien Benoit et

    al. 2003; fr vergleichende Sekundranalysen zu mehreren Debatten z.B. Blais und Perrella

    2008; Maier und Faas 2011; Schrott und Lanoue 2013). Welche Effekte sich im Einzelnen

    nachweisen lassen und welche Bedeutung sie fr den Verlauf des Wahlkampfs und den

    Wahlausgang haben, ist vom Kontext der jeweiligen Debatte abhngig. So zeigten sich fr die

    Kanzlerduelle vor den Bundestagswahlen 2002 und 2005 auch fr den Wahlausgang

    potenziell relevante Wirkungen. Die Debatte vor der Bundestagswahl 2009 hatte dagegen nur

    begrenzte Effekte (vgl. Maier und Faas 2011).

    Die Kanzlerduelle stechen also zum einen durch ihr groes und breit gestreutes Publikum, das

    auch die weniger an Politik interessierten BrgerInnen umfasst, aus dem Medienwahlkampf

    heraus. Zum anderen wird ihnen das Potenzial zugeschrieben, relevante Effekte auf die

    Whlerinnen und Whler auszuben. Dieser Beitrag geht der Frage nach, inwiefern die TV-

    Duelle vor den Bundestagswahlen 2009 und 2013 ihrer Sonderrolle im Hinblick auf diese

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    Charakteristika gerecht wurden. Konkret geht es zuerst um die Fragen, wie sich das Publikum

    der beiden Debatten zusammensetzte (Forschungsfrage (FF) 1a), wie sich die Entscheidung,

    die Debatten zu verfolgen, erklren lsst (FF1b), und wie die Debattenrezeption die

    Wahrnehmung der sie umgebenden Bundestagswahlkmpfe beeinflusste (FF1c). Danach

    werden die Effekte der Debattenrezeption auf die Bewertung der SpitzenkandidatInnen

    (FF2a), ihrer Parteien (FF2b) und schlielich auf die Wahlentscheidung (FF2c) untersucht.

    3. Die TV-Duelle 2009 und 2013: Ausgangslagen und Inhalte Die Bundestagswahlkmpfe 2009 und 2013 wurden gemeinhin als verhltnismig

    spannungsarm beschrieben und erzeugten im historischen Vergleich ein relativ geringes

    Volumen an medialer Berichterstattung (vgl. z.B. Tenscher 2013; Krewel 2014; Leidecker

    und Wilke 2015). Die (zumindest medial unterstellte) Langeweile der Wahlkmpfe hatte zwei

    wesentliche Grnde.

    Erstens war die politische Stimmung weder 2009 noch 2013 dazu geeignet, hinsichtlich der

    Frage, wer die zuknftige Bundesregierung anfhren wrde, groe Spannung aufkommen zu

    lassen. Das Krfteverhltnis zeigte sich deutlich in reprsentativen Umfragen vor den TV-

    Duellen. Vor der Debatte 2009 kamen CDU/CSU (35%) und FDP (14%) gemeinsam auf

    49%, SPD (23%) und Grne (12%) dagegen nur auf 35% (Infratest Dimap 2009). Bei der

    KanzlerInnenprferenz sprachen sich 55% fr Merkel, aber nur 23% fr Steinmeier aus. Vor

    dem TV-Duell 2013 war der Abstand zwischen dem schwarz-gelben (CDU/CSU 41%, FDP

    5%) und dem rot-grnen (SPD 26%, Grne 11%) Lager nur unwesentlich

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