Gandler, Frankfurter Fragmente. Essays zur kritischen Theorie

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Jörg Nowak, “Gandler, Stefan, Frankfurter Fragmente. Essays zur kritischen Theorie, Peter Lang, Frankfurt/M 2013”. En: Das Argument. Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften, Hamburg/Berlin, vol. 311, 2015, pp. 113-115. ISSN: 0004-1157.

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  • Philosophie 113 DAS ARGUMENT 311/2015 © Einbildungskraft (Mentis imaginationes) enthalten an sich betrachtet keinen Irrtum (Eth. II prop. 17 schol.), dieser entstehe erst dadurch, dass wir falsche Urteile über die Sinnes- daten machten. Der Standpunkt Spinozas ist also klar formuliert. Deshalb verwundert es, wenn Verf. schreibt, dass die »inadäquaten Ideen nicht etwas Nichtiges sind, sie haben ihre immanente Notwendigkeit und Positivität« (143). Hier wird aus der Imagination als einem positiven Vermögen darauf geschlossen, dass es auch in den inadäquaten Ideen etwas »Positives« gäbe. Ebenso gut könnte man argumentieren: Weil das Vermögen des Rechnens etwas Positives ist, so enthält auch ein falsches Rechnungsergebnis – etwa 2 + 2 = 5 – etwas ›Positives‹. Ungeachtet dessen, dass für Spinoza das Unwahre nicht aus der Imagination sondern aus dem Urteil entsteht, sympathisiert der Verf. mit den »modernen Spinozisten« (v.a. mit Deleuze), die die »Produktivität« der Falschheit hervorheben, »im Gegensatz zu traditi- onellen Deutungen, nach denen das Vorstellungsvermögen […] oft zu einer Quelle der Falschheit vereinfacht wurde« (144). Die daraus resultierende Aporie will Verf. mittels des von Žižek entlehnten Begriffs der »Krümmung« (98), bzw. der »Torsion« (206f) auflösen: Das Unvollendete bzw. das Negative sei eher als »Krümmung« denn als Manko zu deuten (120). Als ein Beispiel, das den besonderen ontologischen Status der »Krüm- mung« belegen soll, gelten ihm »Schulden«, die, solange sie nicht zurückbezahlt sind, »ein[en] Behälter des nicht aktualisierten Seins, ein[en] Speicher der Potenzialität« (99) bilden. Mit solchen Bildern gelingt es Verf. jedoch nicht, den Begriff der »Krümmung« näher zu explizieren, er meint lediglich, dass Manko und »Krümmung« zwei alternative Konzepte seien, um eine Transformation als etwas »dem Sein selbst Innerliches« (177) zu denken, wobei ersteres noch im Banne der alten Metaphysik verbleibe (185), während die Idee der »konstituitiven Verschobenheit des Seins«, der »Krümmung«, sich von Hei- degger und Deleuze herleiten (186f) lasse. Das Fazit läuft darauf hinaus, es gebe bei Spinoza im Unterschied zu Hegel keine »Dialektik« des Negativen im Sinne eines Prozesses; der Spinozismus verharre stets beim »Blickpunkt des Umschlagspunktes« (206f). Dies kann zwar als eine interessante Deutung gelten, sie bewirkt jedoch kaum Klarheit über den Status des Negativen bei diesen Philosophen – etwa ob das Prinzip der »Krümmung« nur als ein Erkenntnismittel oder gar ontologisch zu denken sei. Vesa Oittinen (Helsinki) Gandler, Stefan, Frankfurter Fragmente. Essays zur kritischen Theorie, Peter Lang, Frankfurt/M 2013 (123 S., br., 19,95 €) Die Fragmente werden als Gedankenreste gekennzeichnet, die aus Frankfurt in die neue Heimat Mexico-City gerettet wurden, und erst dort, fernab der gesellschaftlichen und politischen, auch universitären Realität der postfaschistischen Bundesrepublik, wieder zusammen gesetzt werden konnten. Daher fragt Verf. im ersten Kapitel: »ist Mexiko gar Frankfurt näher als Frankfurt sich selbst?« (41). Ausgangspunkt dieser geo- graphisch-politischen Verschiebungen ist die Feststellung, dass die Frankfurter Schule tot sei (19), was Verf. u.a. mit eigenen Erfahrungen Ende der 1980er und in den frühen 1990er Jahren als Asta-Vorsitzender begründet, als Vertreter des Asta bei einem Festakt der Universität ausgeladen und mit Polizeigewalt an der Teilnahme gehindert wurden, ohne dass dies von den Nachfolgern der Kritischen Theorie, Jürgen Habermas und Axel Honneth kritisiert wurde (14ff). Durch das universitäre Umfeld in Mexico City, in dem der Marxismus viel größere Relevanz hat als in deutschen Universitäten, war es erst für den Verf. wieder möglich, die Anregungen der ersten Generation der Kritischen Theorie produktiv umzusetzen.
  • 114 Besprechungen DAS ARGUMENT 311/2015 © Im ersten Kapitel wird der Bruch der Frankfurter Schule »mit der klassischen Linken« festgemacht an dem »Bruch mit dem festen Glauben an die fortschrittlich-revolutionäre Rolle des Proletariats« (22). Marx konnte laut Verf. noch nicht wissen, dass sich in dieser Produktionsweise Irrationalismus fest mit instrumenteller Vernunft verbinden würde (24). Als Konsequenz könne die kritische Theorie »weder Aussagen über die Zukunft noch über die konkreten Möglichkeiten gesellschaftlicher Veränderungen machen«, sondern »nur die Fehler benennen, die nicht wiederholt werden dürfen« (29). In den Elementen des Antisemitismus entwickeln Adorno und Horkheimer laut Verf. eine Reflektion auf die Vernunft – diese bedürfe der Erinnerung und einer kritischen Überprüfung der eigenen Projektionen, um emanzipative Vernunft zu bleiben. Somit gehört zur emanzipativen Vernunft die Reflektion ihrer nicht-rationalen Grundlagen (38ff). Kernstück des Büchleins ist ein Essay zu Walter Benjamins Über den Begriff der Geschichte, insbesondere zu seinem von Paul Klees Bild angeregten »Engel der Geschichte«. Warum ein Engel? Weil Benjamin die Theologie in den Dienst des histori- schen Materialismus stellen wollte, da »das Sichtbare nicht alles ist und die gegenwärtige herrschende Macht nicht die einzige« (47). Benjamin überträgt diese himmlischen Ideale der Theologie auf die Jetztzeit und sucht nach Brüchen und anderen Logiken in dieser. Der Engel schaut zurück, weil allein die Vergangenheit erkennbar ist und nur so eine Ver- bindung mit den Kämpfen früherer Generationen der beherrschten Klassen möglich ist. Dass der Sturm vom Paradiese her weht und uns von diesem entfernt, zeige die Fortbe- wegung des Engels als eine »entfremdete Bewegung, eine die er macht, ohne sie kontrol- lieren zu können«, stehe daher für den kapitalistischen Fortschritt, der uns aufgezwungen wird – »wir können nicht […] sehen, wohin wir uns bewegen«, denken wir seien aktiv, weil wir handeln, haben aber keine Kontrolle über Form und Ziel dieser Handlungen (62f). Während nach Marx die Revolutionen die »Lokomotiven der Weltgeschichte« sind, bezeichnet Benjamin die Revolutionen als Griff nach der »Notbremse« (70). Verf. sieht die revolutionäre Aktion als »eine Unterbrechung der leeren Zeit«, als »etwas außerhalb dieser totalitären Normalität« und dennoch »nicht außerhalb der Geschichte« (67). Die Relevanz des von Benjamin betonten »Verhältnis mit der Vergangenheit« (68) verdeutlicht Verf. am Beispiel des Neozapatismus und seinen Symbolen des indigenen Widerstands. Zentral sei hier die Verbindung von Tradition und universalen Idealen: »Die Tradition auf eine nicht-folkloristische Weise wieder aufzunehmen, könnte das sein, was Walter Benjamin den ›Tigersprung ins Vergangene‹ nennt, doch dieser Sprung bedeutet nicht, sich von der Möglichkeit einer radikal von der existierenden Gesellschaft […] unterschiedenen zu verabschieden […] Revolutionär sein schlösse demnach die Fähigkeit mit ein, die vergangenen Generationen zu sehen und von ihnen zu lernen.« (74). Die irreführende Vermengung von Tradition und Traditionalismus sei Grundlage der Debatten, die Gleichheit und Differenz als Alternativen diskutieren (74). Benjamins Orientierung der Klassenkämpfe am »Bild der geknechteten Vorfahren« (79) werde von sozialen Bewegungen bestätigt, die bis heute von kolonialer Herrschaft geprägt sind. In weiteren, kürzeren Kapiteln geht es um Helmut Dubiel als Erbe der Kritischen Theorie und die politische Relevanz der Debatten um Differenz und Identität. Verf. kriti- siert Dubiels Versuch, sich selbst und Axel Honneth als dritte Generation der Kritischen Theorie einzuführen und dabei unter Verweis auf die veränderten gesellschaftlichen Ver- hältnisse die Radikalität ihrer Kritik preiszugeben. Dubiels Abtrennung des deutschen Faschismus von der Bundesrepublik übersehe, dass die Kritik der ersten Generation der Kritischen Theorie erstens den Nationalsozialismus in die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft einbette, was erst ihre Radikalität ausmache, und zweitens bereits in der
  • Philosophie 115 DAS ARGUMENT 311/2015 © Dialektik der Aufklärung ihre Gesellschaftskritik keineswegs auf den deutschen Faschis- mus begrenze, sondern auch auf den nordamerikanischen Kapitalismus ausweite. Indem Dubiel den Faschismus auf »historisch-epochale Traumata« reduziere (105), degradiere er ihn wieder zum Betriebsunfall, wogegen die erste Generation der Kritischen Theorie angetreten war. Abschließend wendet sich Verf. postmodernen Interpretationen von Differenz und Identität zu und kritisiert, dass das Wechselspiel der Logiken von Differenz und Gleichheit stärker in der politischen Ökonomie des Kapitalismus verankert werden müsse (115ff). Die Überbetonung des Merkmals der Differenz falle auf das Beharren des Rassisten herein, der das Fremde, das nicht Vertraute ablehne, wo es doch, wie von Adorno und Horkheimer gelernt werden könne, eher um »Hass auf das allzu Bekannte in einem selbst« (119) gehe. Folglich könne der Hass auf den Anderen auch nicht durch die Akzeptanz seiner Differenz verschwinden, sondern nur durch die Anerkennung der eigenen Widersprüche und »somit durch die Überwindung der Abhängigkeit von den gesellschaftlichen Normen« (120). Dagegen verwische der Begriff der Identität diese internen Widersprüche: »Der Mensch ist nur als Toter mit sich identisch.« (121) Analy- sen, die sich vor allem um die Begriffe Differenz und Identität drehen, bringen laut Verf. die existierenden Zwangsverhältnisse zum Verschwinden, die nicht durch die Schaffung von neuen Identitäten, sondern nur durch »die Emanzipation der Gesellschaft als sol- cher« (124) abgeschafft werden könnten. Der Essay zu Benjamins Thesen zur Geschichte und die philosophischen Miniaturen legen überzeugend dar, warum die Ansätze der Frankfurter Schule trotz zahlreichen Ver- suchen ihrer Verharmlosung auch heute noch zur radikalen Kritik von unterdrückerischen Verhältnissen und zur Reflexion auf den Zusammenhang von Psychischem und kapitalis- tischer Produktionsweise nützliche Ausgangspunkte bieten. Jörg Nowak (Berlin) Kramer, Ingo, Symptomale Lektüre. Louis Althussers Beitrag zu einer Theorie des Dis- kurses, Passagen Verlag, Wien 2014 (160 S., br., 17,90 €) Worin besteht Althussers spezifischer Beitrag zu einer Theorie des Lesens? Trotz eines gestiegenen Interesses an seinem Werk gehöre die Theorie der symptomalen Lek- türe »bis heute zu den dunklen Flecken der Althusserrezeption« (4). Dass auf neuere Diskussionen wenig Bezug genommen wird, schadet nicht unbedingt, denn Verf. macht sich gradlinig argumentierend daran, das althussersche Lektüreverfahren auseinander zu nehmen: Welche methodologischen Implikationen birgt sein Verfahren, das versucht, dem »Raum zwischen den Zeilen das Verborgene zu entlocken« (16), indem es eine eigenartige »Zusammenführung von Erkenntnistheorie und Leseprozessen« (17) wagt? Was heißt es überhaupt, das umgangssprachlich so bezeichnete Lesen zwischen den Zei- len als wissenschaftliche Praxis und Methode der Interpretation zu begreifen? Der erste Teil widmet sich Bezügen zu Psychoanalyse, Linguistik und Struktura- lismus sowie dem daraus resultierenden »›Import‹ von Begriffen in das althussersche Kategoriensystem« (18). Hervorgehoben wird die Bedeutung des Begriffs Symptom und seine Verschränkung mit zahlreichen anderen Begriffen des rezipierten Vokabulars: »Indem Althusser den Begriff des Symptoms wählt, vermeidet er die Problematik der Unterscheidung von Metapher und Metonymie, Syntagma und Paradigma sowie der zwi- schen Verschiebung und Verdichtung« (52). Kurzum: Der Begriff des Symptoms fasse zahlreiche Bedeutungen und Schnittfelder der Referenzen Althussers zusammen und werde ihm damit zum Grundtheorem für die Analyse tieferliegender Bedeutungs- und Kausalzusammenhänge. Derart gewappnet gelinge ihm die Dechiffrierung der »abwe-