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  • Die Theorie des islamischen Aktivismus bei FatÎÐ Yakan

    Freie wissenschaftliche Arbeit zur Erlangung des Grades eines

    Magister Artium am Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften

    der Freien Universität Berlin

    am Institut für Islamwissenschaft

    eingereicht von Sebastian Elsässer Univ.-Prof. Dr. Gudrun Krämer Univ.-Prof. Dr. Ulrike Freitag

  • Inhaltsverzeichnis

    Einleitung......................................................................................................................................... 2 1. Überblick: FatÎÐ Yakan und die ÉamÁÝa IslÁmÐya ................................................................. 7

    a. FatÎÐ Yakan und die Anfänge des islamischen Aktivismus im Libanon........................ 7 b. Gründungsphase der ÉamÁÝa IslÁmÐya 1959-1975 .............................................................10 c. Die ÉamÁÝa IslÁmÐya im libanesischen Bürgerkrieg 1975-1990 .......................................14 d. FatÎÐ Yakans internationale daÝwa 1960-1992 ....................................................................17 e. Die ÉamÁÝa IslÁmÐya und FatÎÐ Yakan im Nachkriegslibanon 1990-2004 ...................18

    2.1 Yakan in der Tradition des islamischen Aktivismus ......................................................... 22 a. Yakan und die Tradition des islamischen Aktivismus.................................................... 22 b. Der Begriff daÝwa.................................................................................................................. 24 c. DaÝwa von al-BannÁ bis heute..............................................................................................25

    2.2. Tarbiya: Die Formung der islamischen Persönlichkeit.................................................... 27 a. Charakterisierung der islamischen Persönlichkeit .......................................................... 28 b. Aneignung der islamischen Persönlichkeit durch tarbiya ..............................................33 c. Fazit..........................................................................................................................................35

    2.3. Ziele und Vorgehensweisen des Aktivismus als daÝwa....................................................... 35 a. Zielsetzung des Aktivismus .................................................................................................. 35 b. Vorgehensweisen des Aktivismus. ...................................................................................... 42 c. Fazit......................................................................................................................................... 47

    2.4. Gemeinschaft, Bewegung und Organisation ..................................................................... 48 a. Warum Bewegung, warum Organisation? ......................................................................... 48 b. Charakter und Struktur der Organisation........................................................................ 49 c. Aufgaben der Organisation ..................................................................................................53 d. Fazit ......................................................................................................................................... 55

    3.1. Zwischen Engagement und Distanzierung ..........................................................................56 a. Distanzierung und Engagement ..........................................................................................58 b. Engagement und Distanzierung..........................................................................................61 c. "Krankheiten" der Bewegung................................................................................................63

    3.2. Grenzziehungen...................................................................................................................... 67 a. Problematik ideologischer Grenzziehungen..................................................................... 67 b. Umma als Ideal und Wirklichkeit ..................................................................................... 69 c. Gemeinschaft und Gesellschaft........................................................................................... 72 d. Gemeinschaft, Organisation und Bewegung.................................................................... 74 e. Die libanesische Realität ...................................................................................................... 77 f. Fazit ......................................................................................................................................... 80

    3.3. Politik ........................................................................................................................................81 a. Grundsatzentscheidungen ....................................................................................................81 b. Strategien des Machterwerbs................................................................................................83 c. Realpolitik und Symbolpolitik: Yakan im Parlament..................................................... 86 d. Von der politischen zur ideologischen Öffnung? ........................................................... 90

    4. Fazit..............................................................................................................................................95 a. Grundzüge der Theorie des Aktivismus .............................................................................95 b. Die Theorie des Aktivismus und die radikale Ideologie ................................................ 97 3. Der islamische Aktivismus zwischen Theorie und Praxis .............................................. 99

    Quellenverzeichnis Bibliographie FatÎÐ Yakan Anhang 1: Interview mit FatÎÐ Yakan Anhang 2: ÉamÁl BÁrÙt, ÉÁd al-KarÐm ÉubbÁÝÐ u.a (Hg.): al-ÉamÁÝa al-IslÁmÐya fÐ

    LubnÁn

  • 1

    „Ich halte diese Gesellschaft für krank. Sie benötigt mich nicht als

    Feind, im Gegenteil. Ich umsorge diese Gesellschaft, wie der Arzt

    den Kranken umsorgt, ihn geduldig erträgt, ihm Medizin

    verabreicht, Tag und Nacht an seinem Bett wacht, bis er wieder

    gesund wird. Ich will, dass sie wieder gesund wird!“ 1 FatÎÐ Yakan

    1 Interview mit Yakan, Anhang 1, S. V. Abbildung: FatÎÐ Yakan in seiner Wohnung in Tripoli im September 2004 (Photo: S. Elsässer)

  • 2

    Einleitung

    Pragmatismus gilt gemeinhin nicht als hervorstechendes Merkmal islamistischen

    Denkens. Wie auch Fundamentalisten anderer religiöser Provenienz fühlen sich

    Islamisten eindeutigen – d.h. nicht interpretationsbedürftigen – und unabhängig von Ort

    und Zeit verbindlichen Normen und Regeln verpflichtet. Ihr Bild einer gelebten Religion

    und einer gottgefälligen Gesellschaftsordnung baut nicht nur auf allgemeinen Leitlinien,

    Prinzipien oder Idealen auf, sondern auf der Vorstellung, dass die Offenbarung durch

    Koran und Sunna das menschliche Leben und Zusammenleben umfassend und bis in

    konkrete Einzelheiten hinein verbindlich regelt. Dogmatismus – und nicht Pragmatismus

    – scheint also Denken und Handeln der Islamisten zu bestimmen.

    Doch diese Beobachtung – so plausibel und zutreffend sie oft auch sein mag – kann

    täuschen. Denn Islamisten sind nicht nur Denker, sondern auch und in erster Linie

    Aktivisten. Ihr Streben gilt der Umgestaltung der gesellschaftlichen Wirklichkeit und

    ihrer Annäherung an das Ideal einer islamischen Ordnung. Zwar sind sie in der Regel

    davon überzeugt, dass "der Islam" für alle politischen und gesellschaftlichen Probleme die

    beste, ja einzige Lösung bereithielte und dass seine vollständige Durchsetzung

    letztendlich nur eine Frage der Zeit sei. Doch sie stehen vor der Frage, was der Einzelne,

    die Gruppe von Aktivisten, oder die islamische Bewegung konkret tun soll, um die

    angestrebte Veränderung der Gesellschaft zu verwirklichen.

    Die Wahl der richtigen Vorgehens- und Verhaltensweisen, Taktiken und Strategien mag

    sich zwar an den "unwandelbaren Wahrheiten" des Islams orientieren, muss aber eine

    Vielzahl von Faktoren wie die gesellschaftlichen und politischen Umstände, die

    finanziellen und organisatorischen Möglichkeiten der Bewegung und die persönlichen

    Fähigkeiten ihrer Mitglieder berücksichtigen. Dass deswegen bei dieser Wahl

    pragmatische Überlegungen eine mindestens ebenso große Rolle spielen wie religiös-

    dogmatische, ist anzunehmen, wird aber von den Beteiligten nicht immer bereitwillig

    zugegeben, sind sie doch verständlicherweise bemüht, ihre eigene Vorgehensweise als die

    "islamisch" richtige darzustellen.

    Ein Beispiel dafür, wie im islamistischen Denken religiös-ideologischer Dogmatismus

    und Pragmatismus eine – nicht immer unproblematische und widerspruchsfreie –

    Verbindung eingehen, ist der libanesische Aktivist und Intellektuelle FatÎÐ Yakan. Yakan

    gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Vertreter des gemäßigten Islamismus der

    Muslimbrüder-Tendenz in der arabischen Welt und als einflussreichste Persönlichkeit des

    sunnitischen Islamismus im Libanon. Er verkörpert den Kurs der Integration ins

  • 3